36| Arm im reichen Land

„Ich kann es nicht mehr hören, dass wir angeblich zu den reichsten Ländern der Welt zählen, wenn sich doch bei uns die Meisten das Notwendigste nicht mehr leisten können,“ sagte der Mann verbittert in der TV-Diskussion. Vor allem könne man sich die Mindestsicherung für so viele Leute nicht mehr leisten. Die müsse unbedingt gekürzt werden.
Aha, dachte ich. Dass dies in sich ein Widerspruch ist, darauf möchte ich gar nicht eingehen. Das überlasse ich anderen, die da so gerne herum, auf- und gegenrechnen.
Mich interessiert auch nicht, was die Politiker dazu zu sagen haben.

Ich öffne einfach die Augen und da fällt mir in dieser Zeit etwas ganz anderes auf, als von der einen wie von der anderen Seite für allgemeingültig erklärt wird.

Jeder kleinste Ort hat heute einen Weihnachtsmarkt. Dort drängen sich die Leute und leisten sich jede noch so überteuerte Bratwurst oder irgendwelchen Instantpunsch zu einem Preis, den man nur unter Luxus einreihen kann, im Geschrill von Lichtern und Gegröle.
In den Städten ertrinkt man in der Lichterflut. Durch die Einkaufszentren schieben sich die Massen. Jede Woche wird erneut vermeldet, dass der Handel ein erfreuliches Plus bei den Weihnachtseinkäufen verbucht.
Bei Weihnachtseinkäufen! Die so notwendig sind, wie ein Kropf. Kein Mensch hat heute mehr irgendeinen Bezug zu Weihnachten. Sondern verwechselt die Konsumorgie damit. Dort wo man echt noch was mit Weihnachten am Hut hat, wird gar kein Geld dafür ausgegeben.
Aber in fast jedem Haushalt ist der Dekowahn ausgebrochen und die schaurigen Lichterkreationen an den Fenstern und Balkonen lehren einen das Gruseln beim Spaziergang in der „stillen Zeit“ des Jahres.

Jetzt frage ich mich? Wer zahlt DAS alles? Wer kauft DAS alles?

Die Straßen versinken im Verkehr. Der Autohändler in unserem Ort erzählt, dass sie mit den Vorbestellungen leider nicht nachgekommen sind, aber trotzdem heuer ein Plus einfahren.
Weil es offensichtlich zum Notwendigsten gehört, dass sich jedes Familienmitglied ein eigenes Auto leisten kann. Die altbekannte Kostenrechnung um die Handys oder Smartphones, oder wie die Dinger heute heißen, die will ich gar nicht erst einbringen.

So sieht die Armut aus? Aha.

Ich meine, ICH weiß, wo die Armut zu finden ist. Ich engagiere mich ja in sozialen Bereichen. Auch wenn es immer viel zu viele Menschen gibt, die bedürftig sind, so sind sie doch weit in der Unterzahl und es müsste uns ein nobles Anliegen sein, diesen unterstützend unter die Arme zu greifen, um diese Armut zu mindern. Auch allgemein und finanziell, nicht nur von einzelnen Hilfsgruppen und privat.

Aber darum geht es ja niemandem. Denn diese Armut soll ja nicht gemindert werden, sondern vermehrt, schließlich muss man die Mindestsicherung kürzen, muss man Sozialschmarotzer in die Knie zwingen, Flüchtlinge abschieben, und was weiß ich.

Damit sich WER WAS leisten kann, bitte?

Dann sagte der Mann noch, es sei heutzutage unmöglich, dass sich ein junges Paar ein Eigenheim leisten könnte. Solch eine Armut aber auch.
Ich hab bis heute keines. Lebe sehr glücklich in einer Genossenschaftswohnung. Aber ich weiß, dass sich meine Generation ein Eigenheim auch nur „leisten“ konnte, wenn die guten Leutchen 30 oder mehr Jahre daran gezahlt haben und sich in dieser Zeit einigen Entbehrungen aussetzten. Da gabs oft keine Urlaube und mit Sicherheit keine unsinnigen Weihnachtskultausgaben. Und sicher kein Auto pro Person. Und die fühlten sich damals noch lange nicht arm.

Die Möglichkeiten der Genossenschaftswohnungen aber sind eine Einrichtung unseres – derzeit so viel geschmähten – Sozialsystems und keineswegs etwas, das uns aus irgendeiner Selbstverständlichkeit erwachsen ist, dass jeder „Anspruch“ auf eine Wohnung hat.

Eine Frau sagte vorwurfsvoll, sie lebe mit zwei Kindern als Alleinerziehende in einer 90 m2-Wohnung, könne sich diese aber nur leisten, wenn sie an allen Enden und Ecken etwas abzwicken müsste. Ob sie ein Auto und ein Handy hat, und wieviele Handys ihre Kinder, darüber sagte sie nichts. Also, wo sie etwas „abzwackte“ an ihrer Armutsgrenze.

Ich finde das so obszön! In einem Land zu sitzen, das im Lichtermeer der sinnlosen Verschwendung ertrinkt, noch dazu auf meistens viel zu fetten Ärschen, und von Armut zu sprechen, ohne nur einen Schimmer von Empathie dafür zu haben, was Armut wirklich ist.
Natürlich, wie ich schon öfter schrieb: ICH weiß noch, was ARMUT ist. Kein eigenes Bett zu haben, keine Heizung, keinen Mantel und keine Schuhe im Winter, endlose Fußmärsche, weil man sich keinen Straßenbahnfahrschein kaufen konnte, usw. … aber damit will ich euch nicht langweilen.

Nur – deshalb kann ICH DAS alles nicht mehr hören, von dieser Armut in diesem Land, die sich einen Minimalanteil an Mindestsicherungsempfängern nicht leisten kann. Und denen nicht einmal das „Mindeste“ vergönnt, damit die große Masse der Bevölkerung im weihnachtlichen Kaufrausch versinken kann. In einem „Werte“rausch, der mit Weihnachten so wenig zu tun hat, wie das Tschukipati-Fest der Tschukipati-Indianer.

christkindlmarkt wien

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: