31| Bekenntnisse einer alten Schachtel

Frauen meines Alters werden schon gern mal als alte Schachtel bezeichnet, manchmal auch als alte Damen. Da ich eindeutig keine Dame bin, bevorzuge ich also die Schachtel. Noch dazu, wo ich weiß, dass sie einiges an Inhalt hat und außerdem einen gut passenden Deckel.

Für viele Menschen ist das Alter ein Schreckgespenst. Besonders in der heutigen Zeit, wo derartig dem Jugendwahn gehuldigt wird, glauben viele, sie müssten deshalb der ewigen Jugend nachhecheln.
Doch die Jugend kann man nicht festhalten und auch nicht austricksen.
Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich gar nicht lohnt, sie unbedingt festhalten zu wollen.
Das Alter hält so viele Geschenke für uns bereit. Zumindest für unsereins, die derzeit noch in sozialisierten Demokratien leben können. Aber ich möchte nicht ins Politische abdriften. Darüber wird hier eh genug geschrieben. Doch selbstverständlich sehe ich die Gnade, in einem doch noch einigermaßen friedlichen Umfeld, und immer noch von einem sozialen Netz gehalten, alt sein zu können, als wesentlichen Bestandteil meines Wohlgefühls an. Weil dieser Umstand es mir ermöglicht, mich auf mein Wohlbefinden konzentrieren zu können.

Ich bin irgendwie ein Zwitterwesen. Einerseits sehe ich mit Sicherheit nicht einen Tag jünger aus, als ich bin. Dennoch höre ich immer wieder: Na, DU bist doch nicht alt.
Hä?
Ich weiß allerdings nicht, ob ich ALT bin. Weil ich nicht weiß, wie man sich fühlt, wenn man ALT ist. Ich weiß allerdings, dass ich mich anders fühle, als damals als man mich aufgrund meiner Jahre als JUNG bezeichnete. Doch das ist gut, denn ich fühle mich tatsächlich heute besser.

Ich lebe schon Jahrzehnte so gut es nur geht im Hier und Jetzt (weil perfekt kann das ein Mensch natürlich nie) und deshalb habe ich mich selbstverständlich auch früher nicht schlecht gefühlt. Doch läuft für mich ein menschliches Leben in Phasen ab:

Die Kindheit und frühe Jugend ist die, wo man etwas lernen muss, die mittleren Jahre sind die, wo man etwas aufbauen, oder sich zumindest am Aufbau beteiligen muss. Doch das Alter sehe ich als Phase an, in der es zu ernten gilt.
Aus den Erfahrungen seines Lebens die Erfahrung ziehen kann, nicht mehr so viel lernen zu müssen, nicht mehr so viel aufbauen zu müssen, weil sich der Zeitpunkt nähert, wo man all das, was man anhäufen will, nicht mehr brauchen wird. Es deshalb wichtig ist, das zu genießen, was man aus den Erfahrungen bereits gelernt hat.

Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Lernen ist immer gut, doch in dieser Phase kann man das Lernen bereits getrost auf das konzentrieren, was man selber noch DAZU lernen MÖCHTE. Ich z.B. lerne jetzt Keyboardspielen. Weil es in meiner Kindheit nicht möglich war, mich ein Instrument lernen zu lassen, ich aber zeit meines Lebens so gern Klavierspielen können wollte.
Ich habe allerdings gelernt, nicht an Besitz zu hängen. Deshalb kann ich gut loslassen. Auch von der Jugend. Meine Zeit wird nicht mehr von Vorgängen in Anspruch genommen, die mich von dem fernhielten, das ich „so gerne machen“ wollte.

Ich habe immer viel gearbeitet, und da ich die Notwendigkeit dafür erkennen konnte, auch immer sehr gern, aus diesem Grund blieb jedoch meine Kreativität auf einer Neben- bzw. Nachtgleisstrecke. Auch die Ruhe, einfach auf einer Bank zu sitzen und Löcher in die Luft zu schauen, meinen Gedanken IHREN Lauf zu lassen. Selbstverständlich geht das nicht so gut, wenn man in einen Alltag eingespannt ist, der vom Außen viel mehr beansprucht wird.

Auch ist es unglaublich befreiend, seinen Körper außer Konkurrenz gestellt zu sehen. Natürlich könnte ich ihn Vergleichen mit anderen alten Schachteln aussetzen. Aber wozu? Wir schauen allesamt irgendwie aus und wer in unserem Alter nicht gelernt hat, dass es darauf nicht ankommt, der ist in seiner Entwicklung stecken geblieben.

Ich kann sagen, es interessiert wohl auch keinen, wenn ich irgendwo auftrete (und nicht nur privat, sondern auch öffentlich, was ich manchmal ja tue) ob ich 65 bin oder 80 bin und ob ich nun um 5 Jahre jünger oder älter aussehe. Auch nicht, ob ich um 10 kg mehr oder weniger habe.

Auch fällt es mir heute wesentlich leichter, auf andere zuzugehen. Ich werde nicht mehr so leicht missverstanden. Von den Männern. Aber auch nicht von deren Frauen 😉 Ich kann mich deshalb viel freier in der Gesellschaft bewegen als je zuvor.

Wohlbefinden steht für mich an oberster Stelle. Was sich für mich nicht gut anspürt, das brauche ich nicht. Oder den. Das führt natürlich dazu, dass ich von der Werbung ziemlich unbeeindruckt bin. Was wissen die Werbefuzzis schon, was einem Senior gut tut. Sind sie doch selber noch nicht in dem Alter. Sie projizieren also nur ihre eigenen Ängste in das hinein, was sie in die Wirtschaft pumpen sollen.

Ich habe schon vor langer Zeit meinen Kleiderstil gefunden. Ich weiß, worin ich mich wohl fühle und worin nicht. Deshalb muss ich nicht unter allen Umständen mit Mode experimentieren und mich in irgendetwas hineinquetschen, das mich aussehen lässt, wie eine alte Schachtel im Wurstformat. Sehr befreiend, wie sich denken lässt.
Schminken tu ich mich auch schon ewig nicht mehr. Es gibt nichts angenehmeres, als nichts auf der Haut zu haben, sich die Augen rubbeln zu können, wenn sie einen jucken, sich mit einem Tuch das Gesicht abzuwischen, wenn einem heiß ist, oder es womöglich sogar auf einer Gesellschaft auf der Toilette mit kalten Wasser abwaschen zu können. Ich zieh auch schon mal wo einfach die Schuhe aus, wenn mir die Füße weh tun.

Auch wenn man auf seine Bequemlichkeit Wert legt, heißt das nicht, dass man eine schlampige Erscheinung werden muss. Ich lasse mich nicht gehen. In erster Linie aber, weil ich den wohligen Komfort der Körperpflege schätze. Auch mag ich es, dass mich die Leute gerne riechen (Natürlich nur die, die ich mir nahekommen lasse).
Ich färbe meine Haare nach wie vor in einer etwas unkonventionellen Farbe und bemale meine Brillen oftmals selbst. Das mache ich nicht, weil ich jünger aussehen möchte, sondern, weil ich viel lieber einer bunten Kuh im Spiegel zuzwinkere, als einer grauen Maus. Mich aber, wie vorher angeführt, dafür nicht erst wie ein Clown anmalen möchte.
Und – weil es den Vorteil hat, auf der Straße nicht angerempelt oder gar auf dem Zebrastreifen überfahren zu werden, da man alte Leute ja gerne einfach übersieht.

Aufgrund all dessen kann ich mit sehr wenig sehr zufrieden sein. Das und nicht mehr auf Konventionen achten zu müssen, macht natürlich schon sehr frei.

Deshalb genieße ich es sehr, dass mich so ein bissl das Flair der komischen Alten umweht. Bin ich doch eher etwas aufmüpfig und passe so gar nicht in das Bild des Hascherls, das sich Leute gern von Frauen meines Alters machen. Mit jungen Menschen kann ich deshalb meistens viel besser als mit meiner Generation, die sich so gern wehleidig auf mögliche Krankheiten konzentriert.

Meinen jüngeren Freundinnen gehe ich allerdings damit ein wenig auf die Nerven, dass ich ihnen immer wieder mit meinem Spruch in den Ohren liege:
Freut euch auf das Alter! Es ist die beste Zeit eures Lebens!
Wenn ihr es euch nicht selbst vergeigt …

 

© m.l.

 

2 Comments

  • Bea commented on 11. Juli 2016 Reply

    Ich habe schon zum 40sten eine Kette aus alten Medikamentenschachteln bekommen für meinen neuen Zustand als „Alte Schachtel“.

    • mona commented on 11. Juli 2016 Reply

      hihi, das ist eine köstliche idee … das muss ich mir merken für ähnliche anlässe 😉
      und danke bea! ich freue mich sehr, dass du hier bist!

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