24| Meinem Papa zum 95er

Ich glaube, dass der 95. Geburtstag meines Vaters ein günstiger Zeitpunkt ist, um ihm für etwas zu danken, das er mir auf irgendeine geheimnisvolle Weise in mein Leben mitgegeben hat.

Ich bin nicht mit ihm aufgewachsen, meine Eltern ließen sich bereits kurz nach meiner Geburt scheiden. Meine Kindheit war nur von gelegentlichen Besuchen begleitet. Und diese verliefen für mich eigentlich nicht sehr angenehm. Ich ging nicht gerne zu ihm und zu seiner neuen Frau. Erst Jahrzehnte später kam ich dahinter, warum das so war.
Meine frühe Kindheit verlief an sich nicht sehr angenehm. Meine Mutter war krank und wir waren sehr arm. Ich habe schon darüber geschrieben. Ich hatte nicht einmal ein eigenes Bett und es gab Tage, wo wir nichts zu essen hatten. Ich trug Kleidung aus sechster Hand, und dgl. mehr.

Wenn ich zu meinem Vater kam, dann war dort eigentlich keine Armut zu spüren. Obwohl auch er mit seiner neuen Frau auf einem kleinen Kabinett hauste, Klo und Wasser selbstverständlich am Gang. Er selbst war zu dieser Zeit noch arbeitslos, meine Stiefmutter (die später zu einem meiner Lebensmenschen wurde) hatte zwei Hilfsarbeiterjobs. Je nach Saison arbeitete sie im Sommer „beim Eis“ und im Winter legte sie Pralinen in die kleinen Förmchen der Bonbonnieren.
Diese Grundsituation beschreibe ich nur deshalb, weil sonst der Eindruck entstehen könnte, mein Vater wäre an meiner Entwicklung aktiv beteiligt gewesen. Oder er hätte mir mit seiner aufopfernden Liebe so viel mitgegeben, mich toll unterstützt, oder so.

Nein, eigentlich ist mein Vater ein großer Egozentriker, mit dem es gar nicht so leicht auszukommen ist.
Zu sehr war er immer darauf bedacht, sein Leben zu genießen. Zumindest sah ich ich ihn jahrzehntelang so. Und andere sehen ihn sicher auch heute noch so.

Erst vor ein paar Jahren bin ich allerdings draufgekommen, wie wichtig es ist, sein Leben genießen zu wollen. Ich musste mir das allerdings erst erarbeiten. Aber dafür hatte ich dann ein perfektes Vorbild.

Unsere gemeinsame „Karriere“ begann während meiner Teenagerzeit, wie man das damals noch nannte. Da wurde es mir im Haushalt meiner Mutter oft zu trist. Und ich begann es zu genießen, zu meinem Vater kommen zu können, wann ich einfach wollte und der sich von meinen Besuchen keineswegs von irgendetwas abbringen ließ, was er gerade vorhatte.
Dazu gehörte auch mit Freunden auszugehen. Es wurde gut gegessen und – manchmal auch zu viel – getrunken. Und niemand dachte sich etwas dabei, dass ich als 16/17jährige da mitten dabei war. Das imponierte mir damals sehr.

Auch später war unsere Beziehung am stärksten durch diese Selbstverständlichkeit geprägt, die er mir gegenüber an den Tag legte. Er beriet mich nie, er verbot mir nie etwas, er unterstützte mich nicht (allerdings nur vordergründig, auch da kam ich erst Jahrzehnte später drauf). Ich war einfach da und konnte an allem teilnehmen, was anfiel. Ich glaube nicht, dass er sich jemals auf MICH eingestellt hat.
Hatte ich einen Freund, dann brachte ich den einfach mit. Niemals hat er sich in meine Beziehungen eingemischt. Sogar als ich einmal einen Lebensgefährten hatte, der älter war als er, nahm er den ebenso selbstverständlich zur Kenntnis und in „seine Runde“ auf.

Also doch Egozentriker.

Aber gerade jetzt in den letzten Jahren, wo er nun ja wirklich schon in einem Alter ist, wo man auch tatsächlich von Alter sprechen kann, wird immer deutlicher, wie er gestrickt ist und wie er meine Lebenseinstellung dadurch sehr wohl beeinflusste.

Mein Vater war gelernter Konditor, (drum bin ich so süß 😉 ), selbstverständlich war er Soldat, war in russischer Gefangenschaft und nach seiner Rückkehr arbeitete er zuerst als Chauffeur und Zusteller, bis er sich wieder im Gastgewerbe etablierte.
Meine Stiefmutter wird demnächst 97, stammt aus Ostdeutschland, kam nach dem Krieg nach Wien. Sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Verkäuferin in einem der großen Kaufhäuser, die es damals noch auf der Mariahilferstraße gab.
Sie ist immer eine große Sparmeisterin gewesen. Mein Vater hätte eher eine etwas lockere Hand fürs Geld gehabt, das er verdiente, aber sie hat immer alles super zusammengehalten.

Doch so weit ich auch zurückdenke, sie haben es sich immer gut gehen lassen. Immer auf dem Level, wo sie gerade waren.
Der Wohlstandsanstieg der Nachkriegsjahre begleitete sie. Doch sie lebten nie über ihre Verhältnisse. Wohnten in einer Zweizimmer-Gemeindewohnung im 20. Bezirk, die sie selber von Substandard ausgebaut hatten, Mittelklasseauto, später ein kleiner Schrebergarten, regelmäßige Urlaube.

Aber an meinem Vater änderte das alles nichts.
Er erzählte immer nur das Positive, das er erlebte.
Sogar wenn er vom Krieg sprach, erzählte er nur von den Kameraden, die einander gegenseitig unterstützt hatten, von der Art wie er seine schwere Gelbsucht überlebte, – wieso er sie bekam, war z. B. nie Thema -, sehr wohl aber, dass er dadurch ein Weihnachtsfest zu Hause verbringen konnte.
Später waren seine Gespräche davon geprägt, welche Auszeichnungen er in seinem Beruf bekommen hatte, wie er als Betriebsrat Veränderungen in dem großen öffentlichen Gastronomiebetrieb erreicht hatte, in dem er arbeitete, und als in dem Gemeindebau, in dem er wohnte, Zuwanderer einzogen, hörte man von ihm lediglich die spannenden Aspekte, wie diese ihre andere Kultur zelebrierten. Weil ihn das einfach interessierte und ihm deshalb positiv genug war, davon zu erzählen.

Nun leben sie seit 5 Jahren in einer kleinen Wohnung in einem der Seniorenwohnhäuser der Stadt Wien, mit betreutem Wohnen.
Und er findet das Angebot toll.

Einziger Wermutstropfen: Das Essen!
Denn darauf hatte er ja zeit seines Lebens immer größten Wert gelegt und meine Stiefmutter ist eine der besten Köchinnen gewesen, die ich kenne – sogar mit ihrem Sparmeisterprogrogramm. Sie konnte das wirklich mit ihrem Können perfekt ausgleichen.

Aber selbst über das Essen raunzt er nicht. Er erzählt mir lieber grinsend, wie er ins nahe Einkaufszentrum beim Prater zu den dortigen Bistros ausweicht, wenns ihm grad gar nicht passt, oder sich in seinem kleinen Backofen, den er in dem Apartement zur Verfügung hat, selber kleine Menüs zaubert.

Nicht, dass nun jemand glaubt, mein Vater sei ein bescheidener Mensch. Nein, keineswegs. Qualität steht für ihn immer ganz oben. Immer noch.
Doch sein Motto lautet: Lieber weniger oder gar nicht als schlecht.
Nur beim Wiener Schmäh kehrt er dieses Prinzip um. Da lautet es, lieber über einen schlechten Witz gelacht, oder x-mal über den gleichen, als nicht.

Er schaut ganz genau darauf, wie er es sich gut gehen lassen kann und fordert ein, was ihm zusteht. Doch er schaut nie darauf, was ein Anderer hat. Ob der mehr hat oder dem etwas zusteht, was er selber nicht kriegt.

Dafür hat er immer genau abgewogen, was für sein Wohlbefinden und seine Zufriedenheit das Wichtigste war.
Also lieber keine größere, teurere Wohnung („Ich kann eh nur auf einem Hintern sitzen. Außerdem halte ich es mit meiner Frau auch noch nach 50 Jahren in einem Zimmer aus“ ), dafür lieber öfter mal mit Freunden ausgehen, oder sie einladen zu den Firstclass-Menüs meiner Stiefmutter, und schöne Urlaube machen.

Er ist jetzt schon ein bissl wackelig auf den Beinen, geht mit dem Stock, doch auch hier laufen seine Erzählungen dort hinaus, wie viele Menschen er trifft, die ihm unterwegs weiterhelfen.
Einige Male ist er in dem erwähnten Einkaufszentrum bereits gestürzt. Da galten seine Berichte in erster Linie den „Ausländern“, die ihm sofort zu Hilfe eilten, ihn besorgt betreuten, bis die von ihnen gerufene Rettung kam. Oder von den Krankenschwestern, die nach seiner Einlieferung eben dann über seine Schmähs lachten.

Jetzt werden vielleicht schon einige erkannt haben, was mir mein Vater dann doch mitgegeben hat, nämlich das, was ich immer „predige“:
Diesen unbedingten Willen dazu, das Leben zu genießen. Und zwar so, wie es auftritt und nicht so, wie es einem irgendjemand vorgeben will, dass man es zu leben hätte.
Immer das beste aus dem nächsten Schritt machen zu wollen, egal wo der letzte endete.
Die Selbstverständlichkeit, andere Menschen einfach sein zu lassen, was sie sind. Und erst dort an Abgrenzung zu denken, wo sie gegen das eigene Wohlbefinden arbeiten.

Das hat er mir einfach vorgelebt.

Und auch in seinem hohen Alter hat sich nichts daran geändert, dass er sich einfach freut, wenn ich komme, aber sein Leben davon nicht verändert wird. Er nörgelt nicht, dass ich nicht öfter komme und macht mir keine Vorwürfe für irgendetwas, das in seinem Leben nicht rund läuft, weil ich mich angeblich zu wenig darum kümmere.
Ich glaube, das können nicht viele von ihren hochbetagen Eltern sagen.

Ich sage jedenfalls: Danke Papa!
Und – na, den Hunderter kannst doch noch voll machen, oder?
Freude hättest sicher noch genug an deinem Leben bis dahin. Und ich mit dir.

 

© m.l.

 

6 Comments

  • Traveller commented on 10. Juni 2016 Reply

    Das ist eine echte Liebeserklärung an deinen Papa. Und ich wünsche ihm, dass er den Hunderter schafft – und zwar mit viel Genuss und Freude.

    Und ich verstehe inzwischen, warum wir in vielen Dingen so ähnlich „ticken“.

    Immer das beste aus dem nächsten Schritt machen zu wollen, egal wo der letzte endete.
    Die Selbstverständlichkeit, andere Menschen einfach sein zu lassen, was sie sind. Und erst dort an Abgrenzung zu denken, wo sie gegen das eigene Wohlbefinden arbeiten.

    Mein Vater, der leider schon mit knapp 69 verstorben ist, hat mit genau das auch vorgelebt.
    Auch er war im Krieg, in russischer Kriegsgefangenschaft, und wenn er davon erzählte, klang dass für mich als Kind ungeheuer spannend. Weil er nämlich auch diese Momente von Gemeinschaft und von Möglichkeiten im eigentlich Unmöglichen aufgezeigt hat.
    Er war offen für die Menschen, ist ihnen erstmal positiv entgegen getreten.
    Er war konsequent und lebte das, was er für richtig hielt. Denken, Sprechen und Handeln waren eine Einheit bei ihm, als man das Wort Authentizität noch nicht so inflationär verwendete.

    Und ich bin ihm und natürlich auch meiner Mutter (für die Fürsorge in der Familie) sehr, sehr dankbar. Denn sie haben mir all das mit auf meinen Weg gegeben. Und ihm damit eine gute Richtung gegeben, denke ich.

    • mona commented on 10. Juni 2016 Reply

      ja authentizität ist auch ein merkmal meines vaters. wenn auch gar nicht auf so sympathische weise, wie du deinen vater beschreibst.
      wie gesagt, meiner war und ist eigentlich ein egozentriker.
      ich habe mich ja jahrelang mit dem auseinanderklauben von egoismus und egozentrik beschäftigt.
      er ist genau der fall, der ein paar millimeter über den egoismus hinausgeschossen ist.
      vieles was er tut, sehe ich als richtig an. aber eben auf anderer seite dann wieder doch nicht.
      was es beim wirklichen egoismus nicht ist. da müsste alles schön in die gemeinschaft laufen …
      aber mein vater tritt niemandem „positiv“ entgegen, sondern eigentlich mit desinteresse. menschen interessieren ihn nur, wenn sie „zu ihm passen“.
      aber auch das führte dazu, dass er sich nie verbiegen ließ (was dann wieder positiv ist). er war kein gemeinschaftsdenker. allerdings – oder vielleicht sogar deshalb – aber eben auch keiner, der sich in einer gemeinschaft mit ellenbogen seinen platz schaffen wollte. er setzte seinen nächsten schritt immer dorthin, wo es IHM gut gehen sollte. und wer da dabei sein wollte, der konnte das gern.

  • Traveller commented on 14. Juni 2016 Reply

    weißt du, was ich bei deiner Beschreibung so gut finde? dass du klar differenzierst zwischen positiven, weniger positiven und eher negativen Verhaltensweisen
    und dass du trotzdem den ganzen Menschen liebst

    niemand ist nur schwarz oder weiß (auch mein Vater war das nicht), die Grautöne machen die Persönlichkeit aus, finde ich

  • mona commented on 14. Juni 2016 Reply

    ehrlich gesagt, auch ich finde das gut, dass ich es so weit gebracht habe. es hat mir die nähe zu meinem vater gebracht. und es ist eben nun mal so, dass man nicht nur menschen lieben kann, die „perfekt“ sind (um dein „lieblingswort“ 😉 wieder zu gebrauchen).
    aber wirklich spannend wurde es für mich, als ich erkannt habe, dass er so vieles einfach umgesetzt hat, das ich mir erst langwierig als theorie erarbeiten musste, um es als richtig ansehen zu können. und es in weiterer folge anzustreben.

  • Traveller commented on 15. Juni 2016 Reply

    es gibt verschiedene Wege zum „Ziel“, nicht wahr?
    deiner ist der anstrengendere; vielleicht gehen ihn viele nicht, weil sie diese Anstrengung meiden

  • mona commented on 15. Juni 2016 Reply

    ich weiß nicht, ob es darum geht, dass er vielen zu anstrengend wäre. ich denke oft, viele haben einfach nicht die möglichkeit zur einsicht. ich bin echt dankbar, dass mir diese möglichkeiten zur erkenntniserweiterung gegeben wurden. ich sehe es als gnade an.

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