22| Wahl-Naivitäten

Im Augenblick beobachte ich ein höchst faszinierendes Phänomen, das unter für mich an sich ziemlich intelligent erscheinenden Menschen auftritt und mich mir die Frage stellen lässt:
Sind die Wähler so naiv? Oder ist es gar der Kandidat?

Zuerst ist für mich schon mal rein äußerlich ein enormer Unterschied in der Wahlwerbung erkennbar.
Der eine Kandidat tritt aggressiv und mit Negativ-Parolen auf. Er ist GEGEN so viele, möchte nur für eine bestimmte Klientel da sein und sucht dafür Verbündete.
Der andere tritt aufmunternd freundlich und mit Positiv-Parolen auf. Er möchte MIT anderen weitergehen und sucht dafür Verbündete.

Man sollte also meinen, dass deshalb der Wähler schon längst wissen könnte, welchen Gepflogenheiten er denn lieber folgen möchte.

Ich selber bin z.B. erklärtermaßen jemand, der die Ansicht vertritt, GEGEN etwas aufzutreten, verstärkt den Ausgangsfaktor nur, weil er in seiner Bedeutung bestätigt wird und nichts ANDERES deshalb in Betracht zieht. Ich trete also viel lieber FÜR etwas Positives ein, als GEGEN etwas Negatives auf. Das zieht sich durch meine ganze Persönlichkeit. Deshalb weiß ich natürlich auf den ersten Blick, welcher Kandidat meiner Einstellung näher kommt, weil das eindeutig transportiert wird.

Auf den zweiten Blick beschäftige ich mich dann mit den kolportierten Programmen. Und es erscheint mir absolut logisch, dass beide Kandidaten ihre Kaninchen nicht nur aus meiner Lieblings-Wundertüte hervorzaubern. Aber den Politiker, der ALLE Bereiche abdeckt, den müsste man wohl im Reagenzglas züchten und auch da würden sich seine Schöpfer die Schädel massenweise rundherum einschlagen.

Wo dann aber oft glasklare Analytiker, die ich als ernsthafte Diskutanten bis dahin absolut schätzte, für mich vollkommen unerklärlich in nebulöse Bereiche abdriften, wird es für mich plötzlich nicht mehr nachvollziehbar.

Vorher konnte ich ihren Argumenten folgen, weil eben logisch abgeleitet – auch wenn es sich nicht um die Bestätigung meiner Meinung handelte – und auf einmal stehe ich neben der nächsten Aussage, und denke: Wie bitte, ist das nun derselbe, mir bis dahin so intelligent erschienene Autor?

Es beginnt mit dem Nicht-Erkennen des angeführten Kandidaturmusters.

Da wird der eine Kandidat als Traumtänzer abgetan. Der keine tollen Aussagen propagiert (aha, nur weil er keine Wahlversprechen und Wahlkampfparolen hinausbläst?) Also was will DER uns damit sagen? Wie will er damit auch nur einen Blumentopf gewinnen können?

Der andere propagiert natürlich Wahlversprechen. Und zwar solche, die sich gegen alle möglichen Leute richten. Nein, nicht nur gegen Ausländer, auch gegen Frauen, Schwule, Lesben, und natürlich gegen die von Armut gefährdeten Österreicher. Die Frage, die sich mir nun aber immer öfter stellt: Was will DER uns damit sagen? Dass man Blumentöpfe am besten dafür verwendet, sie anderen auf den Schädel fallen zu lassen?

Also frage ich mich: Wieso erkennen all diese gescheiten Leute die zugrunde liegenden und damit richtungsgebenden Aussagen nicht?

Und jetzt kommen dann überhaupt die brillanten AnalytikerInnen ins Spiel. Ich verwende nun absichtlich die gegenderte Form – mit der ich es sonst nicht am Hut habe -, aber hier ist sie von Bedeutung. Denn es geschehen seltsame Dinge.

Auf der einen Seite scheint es jedem klar, dass Wahlversprechen nicht gehalten werden. Verspricht einer Freibier für alle an jedem Tag, glaubt es ihm eh keiner. Auch nicht das Versprechen auf das Recht für mindestens zwei Smartphones für jeden. Pensionen, Mindestsicherungen, Kindergeld, Studienzugänge. Mietzinssenkungen, was auch immer … Alles nur Wahlpropaganda. Also wenn einer darauf verzichtet, ist nicht wirklich viel verloren.

Doch dann kommt einer, der propagiert die Kürzung all dieser wunderbaren Einrichtungen für Teile seines Volkes!

Und darüber hinaus die Rückführung der Frauen an die zweite Stelle der Hierarchien – zurück an den Herd mit ihnen! -, damit einhergehend Schließung von Frauenhäusern, auch ihr Bauch soll nicht mehr ihnen gehören. Entliberalisierung für Schwule und Lesben, und dgl. Wir werden uns ja noch wundern, was alles möglich ist.

Und die vorher so intelligent auftretenden Frauen, bekennenden Schwulen und Lesben, lassen Statements vom Stapel, wie „Das ist nicht ernst gemeint, ist nur Wahlpropaganda“, „Da ist er zu vernünftig dafür“, „Das kann er ja gar nicht (zurück)durchsetzen“, und sogar „Das wird er schon noch einsehen“, wie hier erst vor ein paar Tagen gelesen. Da rieb ich meine kleinen Mona-Äuglein und dachte: he?

Diese ach so brillanten ReferendierendInnen begeben sich damit hurtig und locker auf das Niveau der balkanstämmigen, noch immer radebrechenden Österreicher aus den Randbezirken der Großstadt, oder auch der beim Branntweiner am Morgen versammelten Arbeitslosen, die anscheinend ebenfalls zu Hauf nicht kapieren, was der gute Mann alles GEGEN SIE vorbringt.

Wenn jemand positive Wahlversprechen nicht einhält, das erscheint mir logisch. Er will halt was damit erreichen. Auch kann es sein, dass ihm nach der Wahl die Mittel und Wege verschlossen bleiben, seine Versprechen umzusetzen.

Aber wenn es um Versprechen von Kürzungen von Unterstützung und Förderung geht, erscheint es mir einigermaßen unwahrscheinlich, dass einer, der sich auf diese Weise die Absicherung durch das „Volk“ holt, diese dann nicht einhält! Wie BLAUäugig muss man da wohl sein?

Mir genügt allerdings auch schon das Ansinnen an sich, auch wenn das dann durch Gegenstimmen anderer Parteien womöglich wirklich nicht durchgesetzt werden kann.

Über die Geschichten mit den Nazisymbolen wollte ich an sich niemals was schreiben, aber in diesem Beitrag muss es doch seinen Platz finden.

Ein Kandidat, der sich nicht eindeutig davon distanziert, weil er das alles nur als von der Gegenseite aufgebauscht ansieht? Weil eine Kornblume im Knopfloch also so ein harmlos schönes blaues Blümchen ist, z.B. He, gehts noch?

Ich kenne niemandem in meinem Umfeld, der sich gerne mit dem Flair dieser Gesinnung umgibt. Und da sind einige gar nicht so sehr verkappte Gestrige dabei. Meistens wollen das nicht einmal die echten Freaks. Sogar die versuchen, den Geruch in andere Hosen zu stinken.

Und dann kommt ein Politiker, der sich für ein hohes Amt im Staat bewirbt und geht damit so flockig um? Erkennt den Zusammenhang angeblich nicht, erkennt den Geruch nicht, der ihn dadurch umweht und lächelt freundlich bieder ein „Schelm, der Böses dabei denkt“ in die Menge? Fehlt nur noch der in diesen Kreisen gängige Ausspruch „Ich hab das nicht gewusst“.

Da stellt sich mir schon die Frage nach der Naivität.

Sind die Wähler so naiv? Zu glauben, dass ein Politiker der vor der Wahl schon GEGEN sie auftritt, nach der Wahl plötzlich FÜR sie eintritt?

Oder ist wirklich der Kandidat so naiv? Dass er einfach etwas dahinplappert, in dem Unwissen, dass er sich selbst damit schaden KÖNNTE, wenn einer über den Tellerrand der Flüchtlingsproblematik hinaussieht?

Und wäre ein naives Staatsoberhaupt denn überhaupt wünschenswerter als ein erklärter GEGNER von Teilen der Bevölkerung dieses Staates?

 

5 Comments

  • Traveller commented on 2. Juni 2016 Reply

    Bei diesem Monolog liegt der Schwerpunkt auf der aktuellen österreichischen Politik, da halte ich mich ein wenig heraus. Alleine deshalb, weil ich darüber zu wenig weiß.

    Aber dass jemand gehört wird, weil er laut gegen etwas auftritt, dass viele ihm dann nickend folgen, das kenne ich auch aus Deutschland.
    Und ich habe immer wieder das Gefühl, dass nur auf ein paar Schlagworte reagiert und dann nicht mehr hingehört wird. Ähnlich wie beim Lesen (siehe unsere Diskussion zur Diskussions-Kultur).

    Ein Wort noch zum Umgang mit Symbolen (die Bedeutung der Kornblume musste ich erst googeln):
    Ich habe nicht das Gefühl, dass Politiker sie unbedacht einsetzen. Gerade solche, die sich um ein hohes Amt bewerben, haben doch normalerweise Berater, die sich darum kümmern, dass das Image rundum stimmt.

    • mona commented on 5. Juni 2016 Reply

      weißt du, bei diesem monolog ging es mir um noch etwas anderes, etwas für mich noch unverständlicheres.

      jetzt sind wir ja schon nach der wahl, also hat es sich ja bestätigt.

      dass z.b. so viele frauen ihn gewählt haben.
      das programm dieser partei ist absolut frauenfeindlich!
      dass homosexuelle, transgender und bereits im inland lebende zuwanderer ihn gewählt haben, oder deren nachkommen.
      das programm dieser partei ist diesen gruppen absolut feindlich gesinnt.

      die naivität von strache und hofer, die kann man vergessen! das ist klar. die sind sowas von nicht naiv, sondern zielen auf die unbedarftheit ihrer wähler. und das ist ihnen leider wirklich gelungen.

  • Traveller commented on 6. Juni 2016 Reply

    Da stellt sich mir schon die Frage nach der Naivität.
    Sind die Wähler so naiv? Zu glauben, dass ein Politiker der vor der Wahl schon GEGEN sie auftritt, nach der Wahl plötzlich FÜR sie eintritt?

    dazu müsste man die Programme der Parteien erstmal wirklich lesen
    und nicht nur die Wahlwerbung auf den Plakaten anschauen
    man müsste genau hinhören, und zwar ständig, um z.B. Widersprüche zu entlarven
    wobei wir – wie immer – wieder bei der Verantwortung sind 😉

    • mona commented on 7. Juni 2016 Reply

      siehst du, es kommt alles immer auf die gleichen punkte zurück.
      alles was am anfang so umfangreich und kompliziert erschienen ist, ist es gar nicht. weil es eben nur ein paar eckpfeiler gibt, wie eben „von innen nach außen“ von „klein nach groß“, die einfach zur verantwortung führen. wenn die leutchen dann noch die richtige verantwortung dem richtigen bereich zuordnen könnten, würde sich alles wunderbar auflösen lassen! WÜRDE *grummelgrummel*

  • Traveller commented on 9. Juni 2016 Reply

    *nickt*

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