20| Diskussions-Kultur

Nicht, dass ich es nicht schon lange wusste. Aber besonders in den letzten Tagen – nach Veröffentlichung meines Blogs „Nicht von den Bösen …“ von fuf auf Facebook, wurde mir durch den dadurch ausgelösten Shitstorm, der sich über mich ergoss, höchst bedauerlich eindrucksvoll bestätigt, dass es in sozialen Medien unmöglich ist, zu diskutieren.
Dort wird einfach auf Andere eingeprügelt. Nicht nur auf Andersdenkende – was an sich ja eh schlimm genug wäre. Oft habe ich sogar schon erkennen müssen, dass Leute mit mir einer Meinung sind, dies aber gar nicht erkennen und deshalb ebenfalls auf mich einprügeln.
Aber auch in intimeren Foren wird es immer schwieriger, konstruktiv zu diskutieren.

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass die Leser nicht mehr lesen, um ihren Horizont zu erweitern, sondern um ihre vorgefasst wahrgenommenen Gefahren bestätigt zu sehen und sich einen Schulterschluss zu Gleichgesinnten zu suchen.

Besonders faszinierend daran ist für mich jedoch, erkennen zu müssen, dass so Viele gar nicht mehr lesen, WAS ein Autor schreibt, sonder sich zwei/drei Triggerpunkte heraussuchen und lediglich auf diese reagieren.

Weiters ist es für mich interessant, wie Leser grundsätzlich an Texte heranzugehen scheinen.
Ich persönlich lese etwas, um meinen Horizont zu erweitern. Mich interessieren Meinungen, mich interessieren Denkansätze, egal in welche Richtung sie gehen. Ich folge ihnen gerne, um meine Denkansätze hinterfragen zu können.
Selbstverständlich gehört dazu, dass ich sie nicht einfach übernehme. Aber genauso gehört dazu, dass ich auf meinen nicht starr kleben bleiben will. Ich versuche, die Intention des Autors zu entdecken, um mich darauf einlassen zu können, um eine neue Perspektive zu erarbeiten. Sie nicht gleich mit meiner einfach abzuwürgen. Denn dann bräuchte ich ja nichts von Anderen lesen …

Diese Triggerpunkte dann noch dazu sofort persönlich zu nehmen, ist ein weiteres Phänomen für mich. Das aber wahrscheinlich aus der vorigen Konstellation heraus eine logische Folge zu sein scheint.

Z. B. finde ich immer aussagekräftig, wenn jemand auf die Idee kommt, wenn er wo das Wort „dumm“ liest, es auf sich zu beziehen. Oder das Wort „Nazi'“.
Sind es nicht einfach Worte? Begriffe, die für etwas stehen, das erst aus dem Verhalten Einzelner Bedeutung bekommen? Stellt man sein Verhalten dann nicht selber in den Zusammenhang zu diesen Worten?
Der Autor an sich tut es doch nicht. Also zumindest ich als Autor tue es nicht. Es wird wohl auch welche geben, die das möchten. Aber gelingen tut es ihnen dennoch nur dort, wo der Leser das bereitwillig auf sich bezieht.

Wenn ich mich nicht angesprochen fühle, dann brauche ich mich doch nicht dagegen zu wehren. Dass es Pauschalbeurteilungen sind, ja, darüber habe ich ja eh schon zur Genüge geschrieben, was davon zu halten ist.

Als Autorin höre ich natürlich sehr oft den Satz: „Du bist doch selber jemand, der Anderen seine Meinung aufs Auge drücken will.“

Ich möchte es gleich vorweg nehmen: Das ist eindeutig eine Projektion.

Ich schreibe nicht deshalb. Ich schreibe, weil ich meine Gedanken gerne vor mir sehe, weil sie sich dann nicht wie Gummibänder in die eine oder andere Richtung ziehen lassen. Und es mir in meinem Leben schon sehr viel geholfen hat, von der Subjektivität in diese Art der Objektivität zu wechseln, weil man Gedanken durch Schreiben eben zu Objekten machen kann. Es mir sogar dabei behilflich war, eine schwere Zeitgeist-Krankheit ohne Medikamente zu bewältigen.

Aber gut. Das wäre natürlich mein Privatvergnügen.
Denn selbstverständlich geht es nicht ums Schreiben. Sondern um die Veröffentlichung meines Geschreibsels.

Doch auch hier muss ich Viele enttäuschen. Ich veröffentliche auch nicht, weil ich glaube, dass ich als Einzige der Welt das Licht bringen kann und dafür Verbündete suche. Auch wenn mich das natürlich freuen würde.

Ich veröffentliche – für MICH!
Nämlich, um Reaktionen zu bekommen, um neue Argumente zu bekommen, um durch Diskussion meinen Horizont erweitern zu können, um für meine aufgestellten Thesen und persönliche Wahrheit Pespektiven Anderer zu erhalten, die mich zur Hinterfragung meiner Erkenntnisse anregen. Auch konstruktive Kritik wird von mir immer erwünscht.
Das alles kann ich ohne Veröffentlichung logischerweise nicht erreichen.

Selbstverständlich tut es auch mir immer gut, dadurch Menschen zu erkennen, die gleichlaufende Interessen und Anschauungen haben. Auch mir nimmt es Angst, wenn ich erkennen kann, dass es sehr viele Menschen gibt, die etwas Positives bewirken wollen und nicht durch Festkrallen am Negativen und dessen Hinausquirlen ins Universum das Negative noch verstärken.

Aber mit Sicherheit veröffentliche ich nicht, um Andere einfach unreflektiert auf meine Seite zu ziehen. Niemals um abzuwehren, sondern immer, um Erweiterung zu erfahren.

Deshalb schmerzt mich die Entwicklung der Diskussionskultur weg von der kultivierten Diskussion zur Angriffsdiskussion sehr.
Da ich dazwischen aber auch meine Bedürfnisse stillen kann und doch immer wieder tolle Perspektiven bekomme, lass ich mich davon nicht entmutigen.

Wie schon einmal wo geschrieben, mein persönliches Aschenbrödel-Prinzip lautet:
Die Guten ins K(r)öpfchen, die Schlechten ins Töpfchen
… und dann einfach das Töpfchen mit zugehaltener Nase ins Plumsklo entleeren.

Und wer sich davon jetzt von mir ausgegrenzt „fühlt“, der ist wirklich selber dafür verantwortlich 😉

© m.l.

 

11 Comments

  • Traveller commented on 17. Mai 2016 Reply

    Ich habe hier ja ein paar Wochen nicht mehr gelesen und kommentiert (erst Urlaub offline und dann wenig Ruhe zuhause), und fange langsam an, mich mit deinen neuen Monologen zu beschäftigen. Und dieser ist jetzt der erste.

    Diskussionskultur ist wirklich ein schwieriges Feld. Schon im realen Leben, wie viel mehr dann erst im Netz, wo eine gewisse Anonymität herrscht.

    Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen in einer Runde anscheinend nur von ihren Dingen erzählen wollen. Sie fragen ihr Gegenüber etwas und reagieren dann mit einem eigenen „Monolog“, der praktisch nicht auf das Gesagte eingeht.

    Dieses Verhalten passt dann eigentlich auch zu deiner Feststellung, dass nicht wirklich gelesen wird, was geschrieben wurde, dass nicht versucht wird, einen Gedankengang erstmal mitzugehen, ehe man darauf reagiert.

    Ich kann verstehen, dass du schreibend Gedanken ordnest und „verobjektest“, um mit Abstand darauf schauen zu können.
    Und ich finde es gut, dass du diese Gedanken teilst, mitteilst, allen Angriffen zum Trotz.

    Lieben Gruß
    Uta

    • mona commented on 17. Mai 2016 Reply

      eigentlich ist dieses blog ja daraus entstanden. nicht weil ich jetzt unbedingt monologisieren oder meine meinung irgendjemandem aufs auge drücken will, sondern weil mir die selbstplatzierung anderer ohne themenspezifische argumente einfach zu viel energievergeudung bescherten.
      ich wollte die beitrage aber dennoch öffentlich stellen, weil ich ihnen und mir die chance geben wollte, vielleicht doch reaktionen zu bekommen. was nicht möglich wäre, ließe ich sie nur auf meinem rechner.
      und siehe da – gerade hier habe ich dann ja tatsächlich erfahren dürfen, wie befruchtend es ist, wenn jemand (eben du) vorbeikommt und ein wirklicher austausch stattfindet.
      danke wieder einmal dafür :-*

      auch wenn ich es an der diskussion festgemacht habe – noch mehr fasziniert es mich, wie offensichtlich heutzutage gelesen wird.
      lesen – bin ich eigentlich bisher davon ausgegangen – tut man, um seinen horizont zu erweitern. da will man wissen, erfahren, lernen …
      das kann man doch aber nur, wenn man sich auf das gelesene einlässt.

      jetzt aber kriege ich meistens das gefühl, die leute lesen, um sich noch weiter abzugrenzen.

      dann passt diese diskussionskultur perfekt dazu, das ist klar.

      lieben gruß zurük!

  • Traveller commented on 19. Mai 2016 Reply

    jetzt aber kriege ich meistens das gefühl, die leute lesen, um sich noch weiter abzugrenzen.

    Zumindest bei Texten zu politischen, gesellschaftlichen Themen wirst du da bei vielen Recht haben.

    Vielleicht ist unsere Nachrichten“kultur“, die vielen Kurzmeldungen, das Twittern etc. ein Grund dafür, dass ein Text nicht mehr intensiv gelesen und bedacht wird.
    Man überfliegt die „Meldung“, reagiert auf einzelne Stichworte, ordnet danach ein, und auf zum nächsten.
    Und das alles vor dem Hintergrund der eigenen Einstellung, die dann als Filter wirkt.

    Das bedeutet aber auch, dass ich noch so viel argumentieren kann, sachlich, logisch etc., und erreiche damit den anderen doch nicht.
    Erreichen kann ich solche Menschen allerdings sehr einfach über die Gefühlsebene – siehe den Zustrom, den rechtspopulistische Parteien zur Zeit haben.

    • mona commented on 21. Mai 2016 Reply

      selbstverständlich ist die kurzatmigkeit des informationsflusses ein wesentlicher bestandteil. aber das kommt ja nicht von ungefähr. deshalb ist es für mich viel tiefliegender. unsere ganze gesellschaft bewegt sich von der gemeinschaft weg. jeder lebt in seinen eigenen vier wänden und sperrt so viel wie möglich aus. wieder kommt die angst ins spiel. wieder die angst vorm wegnehmen.
      die „kommunikations“medien erlauben einen raschen schulterschluss. aber keinen differenzierten. die leute suchen gleichgesinnte, mit denen sie sich verbinden können, um abzuwehren. und deshalb lesen sie auch nur in dieser form. sie lesen nicht, um etwas zu lernen, sich zu erweitern … so meine ich das.

      • mona commented on 21. Mai 2016 Reply

        Erreichen kann ich solche Menschen allerdings sehr einfach über die Gefühlsebene – siehe den Zustrom, den rechtspopulistische Parteien zur Zeit haben.

        ich komm da natürlich sofort wieder zu meiner wortklauberei über den begriff „gefühl“. und die angst zählt ja für mich nur als die von mir so betitelte „ur-angst“ als gefühl.
        die anderen ängste sind alle konditioniert. und deshalb erreichen die rechtspopulistischen parteien so viel, weil sie auf dem instrument der angst spielen.
        auf dem, was ich als gefühl bezeichne, ginge das gar nicht. weil die angst ja die gefühle ausschaltet ….
        aber wie gesagt, das ist wieder wortklauberei. ich weiß was du meinst und stimme dir dort natürlich auch zu *ggg*

      • Traveller commented on 23. Mai 2016 Reply

        unsere ganze gesellschaft bewegt sich von der gemeinschaft weg

        ja, das ist eine Tendenz, die es schon lange gibt
        ich habe gelesen, dass unsere Form des Wirtschaftens, die immer stärkere Arbeitsteilung, diese Entfernung befördert
        und ich habe auch gelesen, das z.B. totalitäre Systeme ganz bewusst die Vereinzelung der Menschen anstreben, weil diese dann leichter zu steuern sind

        Gemeinschaft hat starke Anziehungskraft (siehe dein „der Mensch ist ein Herdenwesen)
        wohl auch ein Grund für den Zulauf bei sozialen Netzwerken – wobei das für mich eine Scheingemeinschaft ist, zumindest weitgehend

        das bedeutet, obwohl wir scheinbar so viel „Gemeinschaft“ haben, sind wir doch vereinzelt – und damit gut zu manipulieren

        • Traveller commented on 23. Mai 2016 Reply

          und dann noch zur Wortklauberei:
          ich verstehe, dass du „Gefühl“ in einem engen Rahmen benutzt; da wird es dann allerdings schwierig mit gängigen zusammengesetzten Begriffen

          unsere Entscheidungen werden – habe ich gelesen – von zwei grundsätzlich unterschiedlichen Bereichen im Gehirn beeinflusst
          da ist einmal die Großhirnrinde, der Cortex bzw. Neocortex – da steckt im Prinzip das logische Abwägen drin, die Rationalität, das Bewusstsein
          und dann gibt es das limbische System, dort stecken die Emotionen und das reagiert wesentlich schneller auf Reize als der Neocortex (war früher überlebenswichtig, wenn Gefahr drohte)

          und genau dieses limbische System meine ich, wenn ich „Gefühlsebene“ schreibe

          • mona commented on 23. Mai 2016

            ah, das ist gut mit dem limbischen system. da werd ichmich auch wieder einmal ein bissl einlesen. vielleicht komme ich da zu besseren, weil vielleicht allgemeinverständlicheren begriffen.
            ich hab mir das ja alles schon vor 30 jahren erarbeitet und bin derzeit mehr am ausleben 😉

          • mona commented on 23. Mai 2016

            das bedeutet, obwohl wir scheinbar so viel „Gemeinschaft“ haben, sind wir doch vereinzelt – und damit gut zu manipulieren

            genau, das schreibe ich ja auch immer. wir werden über die nivellierung und vereinzelung manipuliert. das bedient beim menschen nämlich die von mir als so bezeichnete ur-angst (als gefühl). und die sozialen netzwerke tragen dazu bei, uns diesen umstand zu verheimlichen.
            das ist quasi eine unbewusste kollektive rationalisierung, die läuft genauso ab wie bei höchst persönlichen rationalisierungen. da stellen wir uns auch etwas hin, das uns etwas vorgaukelt, damit wir die wahrheit nicht erkennen müssen. die für uns im prinzip eigentlich unerträglich wäre. das ist nämlich der psychologische vorgang. diesen schmerz zu vermeiden, den diese urangst auslösen würde.

  • Traveller commented on 24. Mai 2016 Reply

    der psychologische vorgang. diesen schmerz zu vermeiden

    dabei fällt mir das Stichwort „Schonhaltung“ ein
    Schmerzen vermeiden durch eine (körperliche) Haltung, die zwar kurzfristig Besserung bringt, langfristig das Problem aber verschlimmert
    wenn in so einem Fall die Ärzte raten, vorsichtig gegen die Schmerzen anzuarbeiten, dann gilt das sicher ähnlich für psychische Schmerzen
    ich muss mich damit auseinandersetzen, um die Ursache dafür überwinden zu können

    • mona commented on 24. Mai 2016 Reply

      genau. das problem ist natürlich beim psychischen vorgang, dass dieser im unbewussten bereich abläuft. wenn der schmerz da ist, dann sagt er ja was. wenn er aber im vorfeld unbewusst vermieden wird, dann kann er nichts sagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: