18| Der perfekte Moment

 
In den letzten Wochen und Monaten ist etwas geschehen, das mich schon jahre-, nein jahrzehntelang nicht betroffen hatte. Es ist meiner Außenwelt tatsächlich gelungen, mir negative Perspektiven aufzupfropfen. Ganz schleichend haben sich die Ereignisse und Kommentare meines Umfelds in mein Unterbewusstsein abgesenkt und von dort ihr verhängnisvolles Werk begonnen.
Nach so vielen Jahrzehnten sah ich mich plötzlich nicht mehr in der Lage, für meine Lebensqualität selbst sorgen zu können, sah mich abhängig vom Good- oder Badwill Anderer.
Ich spürte, wie ich mich um etwas im Kreise drehte, das mich selbst nicht betraf und dennoch in seinen Klauen hielt.
Ich habe mir im Laufe meines Lebens viele Möglichkeiten erarbeitet, solche Situationen zu erkennen und auch nach ihren Lösungen zu suchen. Dennoch gelang es auch mir nicht.
Und ich dachte oft, wenn es also schon mir nicht gelingt, wie soll es dann erst Anderen ergehen, die diese Möglichkeiten in ihrem Leben gar nicht vorfinden, weil sie sich nie damit auseinadersetzen konnten.
Wie man leicht erkennen kann, half mir dies aber nicht weiter.

Eingemeindung in negative Kreise hat noch nie jemandem positive Einsichten beschert.

Auch ich konzentrierte mich plötzlich mehr darauf, was ich alles NICHT machen wollte. Wo ich überall NICHT dazu gehören wollte. Vor allem deshalb, weil ich es an Anderen sah und es mich enorm an ihnen störte.
Ich hinterfragte zwar dauernd, ob ich es nicht an mir auch erkennen müsste und selbstverständlich hätte ich es erkennen müssen, aber ich konzentrierte mich auf die Situationen und dort war nur zu erkennen, dass ich das alles so NICHT wollte.

Vor mehr als 30 Jahren habe ich den Weg gefunden und eingeschlagen, meine Verantwortungsbereiche in zwei große Gruppen aufzuteilen. Es hat mir mein Leben gerettet, wie ich so gerne pathetisch behaupte.
Da ist die eine Seite der Selbstverantwortung, die an erster Stelle steht. Ich bin für mich verantwortlich. Für mein Denken, für mein Tun. Die kann ich an niemanden abgeben.
Schuldzuweisungen, Opferdenken und Angst werden automatisch ausgeschlossen.

Die andere Seite ist, die Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen zu müssen. Ob ich will oder nicht. Ich kann mich von der Menschheit und ihren Entwicklungen nicht trennen, so lange ich auf dieser Erde wandle.
Und da kann ich die kleinen Fäustchen ballen, und mit meinen Füßchen aufstapfen, wie ich nur will. Ich werde damit leben müssen. Und werde damit eigenverantwortlich umgehen müssen.

Nun gut, das erscheint wahrscheinlich bisher eh noch manchem logisch. Mir jedenfalls.
Doch in der unerkannten Vermengung der beiden Bereiche liegen die größten Fallstricke für Angst und Unwohlsein.

Und ganz plötzlich erkannte ich mich in genau dieser Lage.
Die Welt machte mir Angst! Und ich fühlte mich nicht wohl in ihr, vor allem in der Gemeinschaft.
Doch ich fand das Türl nicht gleich. Ich suchte und suchte an der falschen Stelle.
Nämlich an und in den einzelnen Situationen der Weltereignisse.

Doch dort konnte ich das Problem selbstverständlich nicht lösen. Niemand kann das.
Und ich brauchte tatsächlich ein gewisses Maß an Leidensdruck, um mich endlich wieder auf die richtige Seite zu schlagen. Auf meine.

Ich konzentrierte mich also wieder darauf, wie es MIR geht. Mir, wenn ICH für MICH sorge und nicht mein Wohlbefinden von Anderen abhängig mache. Wenn ich mein Dasein nicht von Vergangenheit und Zukunft abhängig mache. Es dort abhole, wo es sich gerade befindet.

Und siehe da: Im Hier und Jetzt kann ich sehr gut leben. In mir ist (jetzt wieder) Frieden. Und sogar mein Umfeld ist nicht vom Unfrieden beeinträchtigt (Ich meine von einem Unfrieden, der gewaltvoll in mein Leben eingreift, also wenn ich z.B. in einem Graben liegen müsste und die Bomben rund um mich einschlagen. Da gäbe es selbstverständlich andere Herausforderungen für mich).
Aber ich kann auf meinem Balkon sitzen, mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, durch die Weinberge rennen und Ruhe und Ausblicke genießen, kann mich an meinem Haushalt erfreuen, an meiner Arbeit, an meiner Kreativität, an vielen lieben Menschen, die ich kenne, habe genug zu essen und ein kuscheliges Bett.

Ich erkannte, dass ich denselben Fehler gemacht hatte, wie die Leute, denen ich eigentlich einen Spiegel vorhalten wollte. Es war also mein Spiegelbild, das ich erblickte!
Ich habe nach dem Negativen Ausschau gehalten, habe es verstärkt, indem ich das Positive nicht wahrnahm. Es als selbstverständlich voraussetzte.

Jetzt ist wieder alles anders.
Und ich habe mir ein kleines „Hilfsmittel“ dafür geschaffen. Ich halte mehrmals am Tag Ausschau nach dem perfekten Moment.
Und es ist unglaublich, wie viele ich entdecke.

Ich sitze z.B. dann auf dem Balkon und spüre in mich hinein. Und frage mich: was könnte jetzt perfekter sein? Und siehe da, wenn nicht grad der Nachbar den Rasenmäher anwirft, könnte der Augenblick nicht perfekter sein.
Es ist warm, es ist ruhig, es ist friedlich. Ich werde nicht bedroht, habe keinen Hunger und keine Schmerzen und ich kann spüren, wie mein Leben in mir pulst.

Oder sitze ich beim Essen und lasse mir ein paar Erdäpfel und Salat schmecken. Ich bin ein Erdäpfelfreak, also kann der Moment nicht perfekter sein. Was sollte mir im Augenblick besser schmecken können? Vor allem, warum sollte ich etwas suchen wollen, das mir VIELLEICHT doch besser schmecken KÖNNTE. Oder gar daran denken, dass ich mir nicht jeden Tag Fleisch leisten kann. Der perfekte Moment um Fleisch zu genießen ist dann, wenn ich es auf dem Teller habe. Und nicht, wenn nicht.

Wahrscheinlich erscheinen Einigen diese Beispiele nun naiv, aber ich möchte euch sagen, es ist wirklich so einfach, dem Negativen nicht den größten Raum in seinem Alltag zu geben. Und es bringt so unglaublich viel! Und sofort! Und unabhängig von allen Anderen!
Einfach das Positive wahrzunehmen, es nicht als selbstverständlich zu übersehen und deshalb die Energie nur im Negativen zu verpuffen. Energie, aus der man sich die Kraft holen kann, um auch schwere Aufgaben und ihre nicht so perfekten Momente besser bewältigen zu können.

Und ich würde wirklich wünschen, mehr Menschen könnten sich auf die Suche nach den perfekten Momenten in ihrem Leben machen. Denn wir haben immer noch unzählige Möglichkeiten dafür.

Denn nicht vergessen: Im Zentrum der ZuFRIEDENheit liegt der Frieden.

 

© m.l.

 

9 Comments

  • Traveller commented on 2. Juni 2016 Reply

    Ich habe ja an anderer Stelle schon zu diesen Gedanken etwas geschrieben.
    Aber auch hier sollen noch ein paar Worte folgen.

    „perfekt“ – mit diesem Wort habe ich eigentlich ein Problem, weil es einen Anspruch stellt, den ich nicht mag
    so, wie du das Wort hier benutzt, kann ich aber mitgehen

    es geht, denke ich, darum, dass ich die schönen Momente, die ich habe, betrachte und wertschätze
    und eben nicht ständig nach Anderem Ausschau halte
    und eben, dass ich den Blick überhaupt auf die positiven Elemente des Alltags lenke
    weil mir das Kraft gibt

    und deinen Schlusssatz finde ich klasse!

    dazu ein kleiner Exkurs:
    bei uns wird für das Lutherjahr 2017 eine Ausstellung geplant, bei der sich möglichst viele Künstlerinnen beteiligen sollen
    ein Luther-Zitat soll „ins Bild gesetzt“ werden (mit oder ohne Text) und ich habe mir folgendes ausgesucht:
    „Es gibt keinen Weg zum Frieden, wenn nicht der Weg schon Frieden ist.“

    • mona commented on 5. Juni 2016 Reply

      ich finde es interessant, dass du dem wort perfekt einen anspruch unterstellst 😉
      ich z.b. mache das nicht …
      aber du schreibst eh dann, dass du meinen ansatz nachvollziehen kannst 🙂

      und auch ich finde deinen schlusssatz super! und auch das projekt, und dass du dich daran mit diesem satz künstlerisch beteiligen willst.

  • Traveller commented on 6. Juni 2016 Reply

    perfekt bedeutet doch „vollkommen“ und laut Duden auch „frei von Mängeln“
    ich habe daran gedacht, wie viele Menschen zum sogenannten „Perfektionismus“ neigen und sich damit unter einen Druck setzen, der ihnen nicht gut tut
    ob es ums Aussehen geht (Diäten, Schönheits-OPs etc.) oder um ihre Arbeit, sie wollen „frei von Mängeln“ sein – und das ist meiner Meinung nach unmenschlich
    daher mein „Unwohlsein“

    und ja, diesen Luthersatz finde ich gerade in der heutigen Zeit ungemein gut und wichtig

    • mona commented on 7. Juni 2016 Reply

      perfekt bedeutet doch „vollkommen“ und laut Duden auch „frei von Mängeln“
      ich habe daran gedacht, wie viele Menschen zum sogenannten „Perfektionismus“ neigen und sich damit unter einen Druck setzen, der ihnen nicht gut tut

      es war mir klar, dass du das meintest.
      aber das hat hiermit ja nichts zu tun. und deshalb fand ich es interessant, dass du einen anspruch unterlegtest, der druck erzeugt. und ich z.b. nicht.
      ich denke, es könnte sich für dich lohnen, da ein bisschen noch darüber nachzudenken, woher das bei dir kommt 😉

      denn die definition stimmt ja für das, was ich damit bezeichnete.
      der perfekte moment – ist ja der moment, der vollkommen ist.

      und ich frage mich in diesen augenblicken ganz bewusst, was könnte in diesem hier und jetzt besser sein.
      wenn ich auf meinem balkon sitze, frieden und ruhe spüre, sicherheit, schmerzfreiheit, hungerlosigkeit, liebe, dankbarkeit usw. dann denke ich, ja – und was könnte jetzt besser sein?
      wäre der moment „besser“ auf einer großen terrasse? oder wenn ich am meer sitzen würde? der moment sicher nicht. was sollte ich dort besseres erspüren können? obwohl es sehr schön sein kann, am meer zu sitzen, wie du ja am besten weißt … aber das ist dann eben ein anderer perfekter moment. und es muss einem auch dort erst gelingen, ihn zu erspüren. und er hat dann die gleiche qualität! er kann eben auch nicht besser sein.

      genau auf diese weise kann man es lernen, das hier und jetzt als perfekt zu erkennen.
      da setzt man sich eher mit dem gegenteil unter druck. wenn man denkt, man muss perfekte momente SCHAFFEN – was dann natürlich zu deinem anspruch führt. dabei geht es lediglich ums reine erkennen.

      und in der zwischenzeit habe ich es schon so weit gebracht, dass ich momente, in denen vielleicht sogar ein punkt nicht so perfekt ist (z.b. durch schmerzen) noch immer als für den im augenblick perfekten moment erspüren kann. weil er eben gerade nicht besser sein könnte, mit dem was mir AN MIR zur verfügung steht. was dazu führt, MICH dennoch als perfekt erspüren zu können, wie ich gerade bin. weil alles zu mir gehört und ich die möglichkeit habe, zu erkennen wie gut es mir „dennoch“ geht. und nicht, wie schlecht es mir geht …
      das ist unglaublich wohltuend.

  • Traveller commented on 9. Juni 2016 Reply

    ich denke, es könnte sich für dich lohnen, da ein bisschen noch darüber nachzudenken, woher das bei dir kommt

    Ich habe nachgedacht …
    Ich glaube, es gibt zwei Aspekte.

    Erstens einen vordergründigen:
    Ich habe in letzter Zeit einiges gelesen zu unserer „Überflussgesellschaft“, zu einer Gesellschaft, in der „alles immer“ zu haben ist. Und dass das dazu führt, dass die Menschen versuchen, sich alle Optionen offen zu halten, weil es ja immer noch etwas besseres geben kann; z.B. den größeren Fernseher, das neuere Smartphone mit noch mehr Möglichkeiten etc. In diesem Zusammenhang ging es auch um Perfektionismus bzw. das Streben danach. Das Wort „perfekt“ hat also als eine Art Trigger gewirkt, und diesen Kontext hochgespült.

    Aber warum hat sich das bei mir überhaupt festgesetzt? Und das ist jetzt der zweite Aspekt, der persönlichere:
    Ich denke schon, dass ich einen gewissen Anspruch an mich habe. Ich möchte alles, was ich tue, so gut wie möglich machen. Weil ich mich dafür verantwortlich fühle.
    Und vermutlich auch, weil ich Anerkennung bekommen möchte. Anscheinend bin ich nicht so unabhängig von der Meinung anderer, wie ich gerne wäre. 😉

    und ich frage mich in diesen augenblicken ganz bewusst, was könnte in diesem hier und jetzt besser sein.

    diese „Übung“ werde ich mit in meine Tage nehmen
    weil ich das im Alltag viel zu wenig mache
    im Urlaub – z.B. am Meer – schaffe ich das problemlos, aber zuhause werde ich öfter innehalten

    • mona commented on 9. Juni 2016 Reply

      ja, wenn es einen „triggerpunkt“ bei dir erwischt, dann ist es eben was persönliches 😉
      ich bin ja ähnlich wie du gelagert. ich möchte auch immer alles so gut wie möglich machen. aber ich habe nicht den anspruch des perfektionismus an MICH. sondern eben nur das „so gut es mir eben möglich ist“. das passt doch auch gut zur verantwortung, oder?
      vielleicht weil das von mir als kind nicht gefordert wurde. ich sollte mich lieber unauffällig in die landschaft eingliedern …
      ich entwickelte diesen hang zum perfektionismus des tuns dadurch eher als halt für mich selber, scheint mir. weil ich unter der schludrigkeit der anderen viel zu leiden hatte.

      und ja, diese „übung“ ist super. ich zelebriere sie nun regelmäßig. sie hat mein leben zum positiven verändert. und das in diesen zeiten … und es braucht ja keinen zeitwaufwand. es sind ja „nur“ augenblicke. aber augenblicke des erkennens!

  • Traveller commented on 10. Juni 2016 Reply

    „so gut es mir möglich ist“ ist ein gutes Maß, finde ich

    • mona commented on 10. Juni 2016 Reply

      eigentlich das einzige richtige, finde ich. oder?

  • Traveller commented on 14. Juni 2016 Reply

    JA !

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