17| Menschliche Verbindungen

Wie schon öfter geschrieben, ist für mich der Mensch ein Herdenwesen, das einerseits absolut abhängig von seiner Gemeinschaft ist, aber andererseits mit einem Bewusstsein ausgestattet ist, welches ihn erkennen lässt, dass er auch ein Einzelwesen ist, also von seiner Herde abgetrennt ebenfalls eine Existenz hat.
Das ist für mich auch der absolut menschliche Aspekt, unterscheidet ihn als Spezies vom Tier.

Dieses Bewusstsein sorgt für eine Angst, die ich persönlich Ur-Angst nenne, weil sie die einzige nicht konditionierte Angst ist und ich sie davon unterscheiden möchte.
Diese Ur-Angst ist im Menschen angelegt.
Alle anderen Ängste, egal ob psychische oder sogenannte Realängste sind reaktive Ängste, die sich auf Grund ambivalenter persönlicher Erfahrungen entwickeln und intuitive Schutzfunktionen haben.

Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten, wie sich ein Mensch mit seiner Herde verbinden kann. Die meisten sind äußerlich und geben auch nur äußerlichen Halt.
Sie kommen aus den verschiedensten Trieben und bedienen die notwendige soziale Struktur der Menschheit. Betreffen also auch nur diese.

Aber es gibt nur eine einzige Möglichkeit zu innerlicher Verbindung: Die Liebe. Sie ist die einzige Möglichkeit für den Menschen, sich nicht abgetrennt zu FÜHLEN. Was ja wiederum die speziell menschliche Spezifikation ist. Diese Barriere wahrnehmen und eigenverantwortlich aufheben zu können.
Und diese betrifft ihn auch nur als Individuum.

Die Menschheit an sich muss von der sozialen Struktur getragen werden. Die Liebe könnte sie nicht tragen, weil sie an sich ein radikales Phänomen ist, die an nichts anhaften darf. Also auch nicht der Gemeinschaft.
Der Liebe zu folgen kann also bedeuten, dass sich der Liebende gegen soziale Ansprüche stellen muss. Jesus hat das z.B. ebenfalls von seinen Jüngern gefordert.
Und auch ich habe schon oft meine Meinung darüber kundgetan, dass die Liebe ein fließender Prozess sein muss, ein Verharren ist ihrem Wesen nicht entsprechend. Denn Stillstand bedeutet Tod.
Und so obskur das für die meisten klingen mag – auf diese Art die Liebe die soziale Struktur unterwandern kann.

Vielleicht ein Beispiel: Wenn man bei seiner Familie aus verschiedensten Gründen verharrt, aber nicht aus Liebe MIT IHR LEBT, dann ist lediglich der sozialen Struktur gedient, aber der Mensch liebt nicht und wird sich deshalb auch nicht mit ihr verbunden fühlen.

Oder – es gibt Mütter, die ihre Kinder bestens betreuen, aber nur nach offiziellen Maßstäben. Man kann gut erkennen, dass sie es nicht aus Liebe tun, sondern ihre Unsicherheiten sie lediglich den Anforderungen der Gesellschaft folgen lässt.

Verbindung von Mutter zu Kind wird nicht hergestellt.
Von Kind zu Mutter sieht es dann ein wenig anders aus: Hier werden emotionale Abhängigkeiten zu den Müttern erzeugt. Die aber ebenfalls nicht zu liebenden Verbindungen führen. Weil auch diese Kinder nie zu lieben lernen. Und diese Kinder werden als Erwachsene wieder nur versuchen, ihre eigenen Defizite von ihren Kindern fernzuhalten. Ihnen aber dadurch eigene aufhalsen. In die soziale Struktur werden sie aber dennoch eingebunden.

Die Liebe betrifft also den Einzelnen, die eigene Existenz, ist für diese unabdingbar nötig, um aus Angst vor dem Abgetrenntsein nicht in Wahnsinn zu verfallen. Sie ist das einzige probate Mittel dagegen.
Lieben muss man immer selbst. Man kann nicht lieben lassen.
Und wenn man selbst nicht lieben kann, hilft es gar nichts, wenn man von Anderen geliebt wird.
Weil man es selbst tun muss, ist es auch logisch, dass Liebe immer mit der Selbstliebe beginnen muss. Wers nicht selber kann … kann sie nicht spüren und deshalb höchstens Bestätigungen bekommen. Die aber wieder nur äußerliche Verbindungen bringen.

Die soziale Struktur allerdings betrifft die Gemeinschaft. Sie beinhaltet Hierarchien und festgelegte Plätze und daraus resultierende Aufgaben. Der Einzelne muss sich dem Gemeinwesen unterordnen, um ihren Schutz genießen zu können.

Wir sehen also, es sind zwei Paar Schuhe, die aber viel zu oft und gern vermischt getragen werden, woraus sich – wie bei allem, was den Menschen und sein zweigeteiltes Wesen aus Bewusstsein und Gefühlsausstattung betrifft – unzählige Fehlleitungen ergeben können.
Und ihre Auswüchse machen uns Tag für Tag das Leben schwer, solange wir uns diese unterschiedlichen Bereiche nicht bewusst machen und unser Leben auf die Beine stellen, auf denen es richtig steht. Mit den jeweils passenden Schuhen.

 

© m.l.

 

3 Comments

  • Traveller commented on 1. Juni 2016 Reply

    Aber es gibt nur eine einzige Möglichkeit zu innerlicher Verbindung: Die Liebe. Sie ist die einzige Möglichkeit für den Menschen, sich nicht abgetrennt zu FÜHLEN.

    Verstehe ich das richtig: Wenn ich mich mit anderen Menschen verbunden fühlen möchte, muss ich ihnen mit Liebe entgegentreten.
    Was aber ist, wenn dann mit Ablehnung reagiert wird? Fühle ich mich dann nicht erst recht abgetrennt?

    Oder ist es das, was du meinst, wenn du von „an nichts anhaften“ schreibst?
    Dass die Liebe sozusagen bedingungslos sein muss. Dass sie nichts erwarten darf?

    Lieben muss man immer selbst. Man kann nicht lieben lassen.

    Gut formuliert. Damit ist klar, dass die Verantwortung dafür klar beim Individuum selbst liegt.

    Die soziale Struktur allerdings betrifft die Gemeinschaft. Sie beinhaltet Hierarchien und festgelegte Plätze und daraus resultierende Aufgaben. Der Einzelne muss sich dem Gemeinwesen unterordnen, um ihren Schutz genießen zu können.

    Ich habe immer wieder das Gefühl, dass viele dieses Einordnen in die soziale Struktur heute nicht mehr vollziehen. Stichwort: Individualismus.
    Einzigartigkeit wird in den Vordergrund gestellt (z.B. von Werbung), die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft damit zurückgedrängt.
    Und das führt ganz klar zu gesellschaftlichen Problemen, weil ein Wir-Gefühl (eine Wir-Empfindung sollte ich hier besser schreiben) fehlt.

    • mona commented on 5. Juni 2016 Reply

      Was aber ist, wenn dann mit Ablehnung reagiert wird? Fühle ich mich dann nicht erst recht abgetrennt?
      Oder ist es das, was du meinst, wenn du von „an nichts anhaften“ schreibst?
      Dass die Liebe sozusagen bedingungslos sein muss. Dass sie nichts erwarten darf?

      genau. aber du hast dir die antwort dann eh selber schon gegeben 😉 :

      Lieben muss man immer selbst. Man kann nicht lieben lassen.
      Gut formuliert. Damit ist klar, dass die Verantwortung dafür klar beim Individuum selbst liegt.

      *

      Ich habe immer wieder das Gefühl, dass viele dieses Einordnen in die soziale Struktur heute nicht mehr vollziehen. Stichwort: Individualismus.

      da habe ich eigentlich gerade bei der opferumkehr etwas ebenso passendes geschrieben:
      das demokratieverständnis ist so etwas, was den leuten dadurch ebenfalls abhanden gekommen ist.
      das ist mir bis dahin gar nicht so aufgefallen. bisher gings mir immer nur in meinen gedanken um egozentrik im „allgemein gemeinschaftlichen zusammenhang“. aber die demokratie hängt natürlich daran!

  • Traveller commented on 6. Juni 2016 Reply

    *nickt*

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