15| Opferumkehr

Die Psychologie kennt ein Phänomen, das für viele Probleme und auch Krankheiten Auslöser ist: Das Opferdenken.
Und gerade nach dem gestrigen Tag, mit seinem schockierenden Wahlergebnis, ist es wieder sehr in den Vordergrund getreten. Aus allen möglichen Medien trieft es nur so heraus.

Viel zu viele Menschen fühlen sich als Opfer von irgendetwas oder irgendjemandem. Doch die meisten sind Opfer ihrer selbst.
Weil sie die richtige Perspektive nie gefunden haben: Die Perspektive, was sie selbst für sich tun können – und eigentlich auch müssten.
Der Fokus der meisten liegt darauf, was „die Anderen“ nicht für sie tun. Wie „die Anderen“ die Welt herrichten, so dass sie selbst darin nicht störungsfrei leben können. Wie „die Anderen“ Plätze einnehmen, die sie selber einnehmen wollen. Wie „die Anderen“ sie in Schubladen stecken. Wie „die Anderen“ den eigenen Genius nicht erkennen. Usw.

Sie erkennen nicht, dass das die Projektion ihrer eigenen Sicht ist. Dass es genau das ist, was sie selbst tun. Andere machen vielleicht etwas ganz anderes, aber das erkennen sie gar nicht, weil sie alles in ihre eigenen Schubladen stopfen.

Die meisten Leute glauben, sie haben als Einzige den Durchblick, was für 8 Milliarden Menschen das Richtige wäre und alle, die nicht dieser Meinung sind, sehen sie als Feinde an.

Einfaches Beispiel, über das man vielleicht sogar schmunzeln kann: Jeder weiß am besten, was für die Fußballnationalmannschaft das Beste wäre, nur nicht der Trainer.
Und dieses Schmunzeln könnte man natürlich auch auf andere Bereiche ausweiten, wenn man die Schwächen der Menschen eben als zu ihnen zugehörig anerkennen kann.

Doch in manchen Bereichen ist das Opferdenken eine höchst gefährliche Sache. Nicht nur für die eigene Gesundheit, sondern eben auch für die Gemeinschaft.

Nach dem Prinzip „Masse und Macht“ wird ein Volk, das zum Opfer hochstilisiert wird, die Gabe zur Differenzierung verlieren. Es wird blindwütig zur Verteidigung ansetzen. Auch wenn durch die mangelnde Differenzierung gar nicht klar ist, wogegen diese Verteidigung angesetzt werden müsste. Der Schwarm greift das nächstliegende Objekt an.

Die mangelnde Differenzierung schafft das besondere Phänomen der Gegenwart: Die Opferumkehr.
Wir werden von einer großen Gruppe unserer Mitbürger derzeit zu Opfern abgestempelt. Wir sind die Opfer der Zuwanderung.
Unsere Opfer sind angeblich enorm. Bei uns in Österreich herrscht ja sogar Notstandsgefahr.

Und wir wehren uns gegen die Menschen, die wird dafür verantwortlich machen.
Doch diese Menschen tragen gar nicht die Verantwortung. Denn sie sind selber Opfer. Und zwar wirkliche Opfer.

Doch wir projizieren Schuld auf sie. Weil an ihnen all das klar sichtbar ist, was ein Opfer ausmacht und es viel einfacher ist, einen Schuldigen für das eigene Scheitern außen zu suchen, als in sich selbst.

Denn wer sich als Opfer fühlt, der kann vieles zu seiner Entschuldigung einsetzen. Er kann sein Mütlein an seinen Ängsten kühlen, kann das, wovor er wirklich Angst haben müsste, klein machen, indem er sich etwas unüberwindlich Großes hinstellt, muss deshalb dann nicht hinaustreten und handeln, sondern kann aus dem Hinterhalt zur Verteidigung blasen. Er kann das eigene Nicht-Handeln verschleiern, und sein Scheitern deshalb auf Andere abwälzen.

Wie schon öfter geschrieben, sehe ich persönlich die Schuld nicht bei den Zuwanderern.
Ich sehe sie in der Abkehr von der menschlichen Gesinnung. Was unsere Gesellschaft bitter benötigen würde, wären Empathie und Validation. Beide empfehlen, wenigstens ein paar Schritte in Schuhen Anderer zu gehen – sofern diese überhaupt noch welche haben. Wenn nicht, könnte es ebenfalls sehr heilsam für die eigene Menschlichkeit sein, barfuß auf den offenen Fußwunden von Opfern zu hatschen.

Aber wer sich selbst als Opfer ansieht, wird seine bequem eingelatschten Böcke nicht gegen umbequemere tauschen wollen.

Mir geht es nicht um rechts oder links, mir geht es darum, dass wir die Opfer in den Anderen nicht sehen, nicht ihre Wunden, nicht ihre Narben, sondern nur unsere eigenen Wehleidigkeiten bepinseln.
Wir schaukeln uns zu Opfern auf, die weder Wunden noch Narben vorweisen können. Sondern in der Verteidigung abstrakter Werte verharren, deren eigentliches Opfer wir sind.

Das sehe ich immer wieder daran, dass Leute ihr Opferdenken damit kultivieren, indem sie sich endlos darüber aufregen, dass sie rechts oder links, oder sonstwo eingeordnet werden.
Wie kann man denn nur mit so etwas seine kostbare Energie vergeuden?
Mir persönlich ist es zum Beispiel vollkommen egal, ob mich einer Nazi oder Gutmensch nennt. Ich weiß wer ich bin, ich weiß wie ich handle und ob ein Anderer das erkennt oder nicht, ist mir einfach wurscht. Da ich ihn nicht überzeugen werde können, verschwende ich meine Energie gleich gar nicht darauf.
Ich gebe meine Verantwortung nicht an öffentliche Meinungen ab.

Die einzige Lösung, um diesen Planeten zu retten ist und bleibt für mich: Zu schauen, was wir selbst FÜR ihn tun können und nicht was die Anderen NICHT für ihn tun. Und anstatt sich darüber zu beklagen, dass uns die Anderen andauernd Prügel vor die Füße werfen, sich endlich an die Beseitigung derselben zu machen und nicht nach größeren und dickeren zu suchen, die wir den Anderen vor die Füße knallen.

Wir müssen endlich aus der Opferrolle heraustreten!

Lasst uns handeln! Jeder einzelne für sich. Nicht von Anderen fordern, dass diese handeln. Und schon gar nicht mehr die Politiker. Denn die haben uns zu Opfern degradiert.
Wenn wir aufstehen und handeln, dann sehen das unsere MitMENSCHEN und können wesentlich leichter dem aufgezeigten Ziel folgen, als wenn wir raunzen und anklagen, aber auf unseren breitgesessenen Allerwertesten sitzen bleiben.
Daraus entsteht nichts! Wir verpuffen nur Energie damit.

Wir sind keine Opfer! Wir sind – immer noch – freie mündige Bürger in einer Demokratie!

Und nur wenn wir endlich diese Rolle einnehmen, werden wir sie retten können.

 

© m.l.

 

11 Comments

  • Traveller commented on 24. Mai 2016 Reply

    „Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Limonade draus!“
    Ein Spruch, den viele mögen, den viele zitieren, nach dem aber wenige handeln.

    Auch hier wieder – wie eigentlich fast immer – ist das Thema „Selbstverantwortung“ der zentrale Punkt, denke ich.
    Wenn ich mich als Opfer fühle, gebe ich die Verantwortung an andere ab. Sie sind verantwortlich für meinen Zustand, ich leide, brauche aber nichts zu tun. Passivität ist die Folge.
    Und nicht nur, dass ich nichts tue, ich denke oft auch nicht mehr selber. Ich lasse mir sagen, was ich zu denken habe, unreflektiert, unwidersprochen.
    Damit gebe ich den „Anderen“ die Möglichkeit, ihre Linie weiter zu fahren.

    Was unsere Gesellschaft bitter benötigen würde, wären Empathie und Validation.

    Sehe ich das richtig, dass du mit „Validation“ Wertschätzung meinst?
    Und ja, da stimme ich dir voll und ganz zu.
    Um beim Beispiel der Flüchtlinge zu bleiben:
    Wenn ich mir versuche vorzustellen (es bleibt ein Versuch, wenn man das nicht erlebt hat), aus welcher Lebenssituation diese Menschen fliehen, unter welchen Bedingungen ihre Flucht abläuft, dann kann ich doch in ihnen nicht die Angreifer auf unsere Gesellschaft sehen.
    Dann sehe ich Menschen, die dieselben Wünsche haben wie ich, nämlich friedlich mit ihren Familien zu leben. Und ich sehe, wie schwierig das in einer völlig anderen Kultur für sie sein muss.
    Und wenn ich das erkenne, dann kann ich ihnen doch nicht mehr abweisend oder gar feindlich gegenübertreten.

    Lasst uns handeln! Jeder einzelne für sich. Nicht von Anderen fordern, dass diese handeln. Und schon gar nicht mehr die Politiker. Denn die haben uns zu Opfern degradiert.

    Ich glaube, das liegt auch an unserer Form der Demokratie, daran, dass wir alle paar Jahre bei Wahlen unsere Stimme abgeben (wie passend!) und danach dann praktisch keinen Einfluss auf politische Entscheidungen mehr haben. Das erzeugt das Gefühl, „die da oben“ machen eh, was sie wollen. Und schon ist man in dieser Opferrolle.

    Der Blick aufs „Große Ganze“ macht hilflos. Was kann ich kleiner Mensch schon gegen die Klimaerwärung, gegen Krieg oder Flüchtlingsströme tun?
    Ich glaube, wir müssen den Fokus auf unser direktes Umfeld legen. Dort findet jeder Möglichkeiten zum Handeln, dort kann jeder etwas bewirken.
    Und wenn ich selber etwas tue und mit anderen darüber spreche, dann wirke ich als Multiplikator. Und im Endeffekt bewirke ich damit doch eine ganze Menge.

    • mona commented on 24. Mai 2016 Reply

      ja liebe, wie wir immer schreiben: vom kleinen ins große …

      mit validation meine ich „in den schuhen des anderen gehen“. das ist eigentlich das prinzip der naomi feil für den umgang mit dementen. aber es trifft auf unsere gesamte gesellschaft genauso perfekt zu.

      ja, das stimme „abgeben“ ist ein schöner ausdruck für eine wortklauberin wie mich 😉

      ich denke nur, die demokratie in dieser form ist nicht so schlecht. vielleicht die strukturierung der kommunen, da könnte man sicher dran arbeiten. allerdings, wenn wir uns in den kommunen betätigen – oder zumindest informieren – ist man auch heute schon viel näher dran.
      wenn ich an direkte demokratie denke, ist mir wesentlich mulmiger. besonders natürlich jetzt nach unserer präsidentenwahl.
      denn millionen schmeißfliegen würden dann eventuell nicht irren … und wir müssten alle mit ihnen auf die misthaufen ziehen …

      fähige leute, die von den bereichen etwas verstehen, in denen sie eingesetzt werden – DAS wär die lösung. aber …. *seufz*

  • Traveller commented on 27. Mai 2016 Reply

    fähige leute, die von den bereichen etwas verstehen, in denen sie eingesetzt werden

    stimmt !

    vermutlich wäre eine Mischung aus direkter und parlamentarischer Demokratie ein guter Weg

    • mona commented on 29. Mai 2016 Reply

      aber wir haben doch eh die möglichkeiten zu mehr mitsprache. die werden nur nicht genützt.
      und warum? weil sich die leute gar nicht damit belasten möchten.
      es würden also bei direkter demokratie wieder nur die „radikalen“ entscheiden …
      doch die möglichkeiten unserer demokratien die sind ihnen zu umständlich und zu wenig spektakulär.

  • Traveller commented on 31. Mai 2016 Reply

    die Mitsprachemöglichkeiten sind aber so begrenzt, denke ich, dass die Leute sich da eher raushalten

    gestern hatte ich Besuch von einer guten Bekannten; wir haben uns beim Thema Politik ein bisschen festgeredet
    u.a. erzählte sie, dass sie eine Schnuppermitgliedschaft bei der SPD vor Ort hatte und dann auch zu Versammlungen gegangen ist und mitdiskutiert hat
    und schon auf dieser untersten Ebene wurden Meinungen, die dem Vorstand nicht passten, regelrecht abqualifiziert, Bürger nicht ernst genommen zugunsten von größeren Projekten (Prestigeprojekt oder Lobbyarbeit, je nachdem)
    sie war arg frustriert

    ist jetzt nur ein Beispiel, aber ich glaube, ähnlich läuft es auch in anderen Bereichen

    • mona commented on 5. Juni 2016 Reply

      die Mitsprachemöglichkeiten sind aber so begrenzt, denke ich, dass die Leute sich da eher raushalten

      ich muss da jetzt etwas „härteres“ sagen: ich glaube, dass viele menschen einfach das wesen einer demokratie nicht verstehen.
      weil sie die funktionsweise übergeordneter systeme nicht erkennen können, sondern nur kleine persönliche abschnitte.
      auch das hatten wir ja schon mehrfach: die verantwortungsbereiche für die beiden wesensgrundlagen werden vermischt, bzw. sogar verwechselt.
      sie sehen durch ihre persönlichkeitsbrille die gemeinschaftlichen bereiche an und müssen sich deshalb natürlich hilflos sehen.

      in einer herde ist es so, dass der einzelne sich in diese einbringen muss, um auch tatsächlich eine herde zu bilden. und zwar eben jeder mit dem, was er ist und was er kann.
      der mensch hat bewusstsein und trägt deshalb dafür die verantwortung (wie schon oft geschrieben).
      in dieser gemeinschaft treten nun bereiche auf, die ein einzelner nicht bewältigen könnte.
      und der mensch kann nun einmal nicht autark leben!
      deshalb würde ihm seine eigenverantwortung eigentlich gebieten, dass er auch gemeinschaftliche projekte unterstützt. also kommen wir da wieder zu der verantwortung, die er für die gemeinschaft übernehmen muss – ob er will oder nicht.

      wenn nun jemand seine demokratischen möglichkeiten nicht nutzt …
      oder öffentliche und gemeinschaftliche bereiche den politikern überlässt, oder sonstigen personen …
      ja, der muss frustriert werden.

  • Traveller commented on 6. Juni 2016 Reply

    ich glaube, dass viele menschen einfach das wesen einer demokratie nicht verstehen.

    ich vermute, es ist eine Form von Gleichgültigkeit gegenüber dem Alltäglichen
    ein großer Teil der Menschen hier hat keine andere Staatsform kennengelernt, kennt keinen Krieg, den meisten geht es recht gut
    das macht bequem und gibt das Gefühl, es läuft ja alles
    den Wert, den das Mitspracherecht in einer Demokratie hat, nehmen wir vielleicht gar nicht mehr so wahr wie Menschen, die um dieses Recht kämpfen müssen

    in einer herde ist es so, dass der einzelne sich in diese einbringen muss, um auch tatsächlich eine herde zu bilden. und zwar eben jeder mit dem, was er ist und was er kann.

    stimmt, denn sonst laufen einfach nur Einzelwesen nebeneinander her
    aber – wie auch schon oft geschrieben – klappt das immer weniger
    selbst auf so simpler Ebene wie unserem Dorf sind es nur wenige, die sich für die Gemeinschaft engagieren

    und ja, es ist immer wieder eine Frage der Verantwortung
    warum ist das nur so schwer, diese zu sehen und zu übernehmen?

    • mona commented on 7. Juni 2016 Reply

      ich weiß auch nicht, warum das für so viele so schwer ist, verantwortung zu übernehmen. dabei bringt es so viel an lebensqualität. ist so energiebringend, usw. aber …

      das mit der demokratie, da hast du sicher recht. wie wir wissen, nehmen ja die meisten leute das positive als selbstverständlich – und vor allem ihnen als zustehend – an. etwas, das von ganz allein so zu sein hat. dass sie dafür etwas tun sollten – oder es wenigstens erkennen sollten – das würde ja auch schons ehr viel bringen! – davon wollen sie nichts hören. lieber schuldige suchen für das, was wo nicht klappt und sich als opfer ansehen, wo man gar keines ist. dann muss man sich nicht um die tatsächlichen opfer kümmern.

  • Traveller commented on 9. Juni 2016 Reply

    lieber schuldige suchen für das, was wo nicht klappt

    das wird ja auch überall vorgelebt, ist z.B. im Fernsehen ständig zu sehen und zu hören

    • mona commented on 9. Juni 2016 Reply

      ja, aber das ist ja nicht von ungefähr so. das erscheinungsbild verdichtet sich ja aus dem, was so viele zelebrieren. und auch das machtmittel rekrutiert sich daraus. und wird ständig fleißig trainiert. es ist eine katze die sich in den schwanz beißt. und man kann nicht sagen, was war als erstes da. auf jeden fall ein verhängnisvoller kreis …

  • Traveller commented on 10. Juni 2016 Reply

    ein Kreis, aus dem man ausbrechen kann und muss
    also wieder mal: nicht auf die anderen schauen, sondern sehen, was man selber machen kann 😉

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