14| Der obszöne Umgang mit der Armut

Vor ein paar Tagen gab es einen Bericht im ORF über die Überschussproduktionen bei Lebensmitteln: Am Schauplatz – Zu viel des Guten.
Für mich gibt es in der Gesellschaft einige Obszönitäten im Hinblick auf den Umgang mit der Armut in diesem Land. Dies steht an einer der vordersten Stellen dabei.
Aber alle laufen für mich unter der gleichen Flagge: Die Wirtschaft wird höher gereiht als die Menschen.
Daraus resultiert Neid, der Parolen der Hetze schafft.

 

ueberfluss

 

Als ich gefragt hatte „Wäre die Hälfte wirklich zu wenig“, wäre ich in manchen Foren beinahe gesteinigt worden, weil ich darin aufzeigte, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben.

Dass nicht alle von uns davon partizipieren, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Aber es bleibt eine Tatsache, dass wir so viel haben, dass wir die Hälfte davon wegschmeißen. Nicht könnten, sondern es tatsächlich tun.

Erstens werden wir durch die bald beinahe einzige mögliche Variante des Einkaufs in Selbstbedienungsläden dazu gezwungen, immer viel größere Stückzahlen zu kaufen, als wir benötigen. Alles muss geblistert werden und für einzelne Stücke lohnt sich das nicht. Die Doppel- und Dreifachverpackungen an sich erhöhen den Müllberg ihrerseits ebenfalls um einen nicht zu verniedlichenden Anteil.

Doch das Schlimmste ist mit Sicherheit die Überproduktion bei den Lebensmitteln.

So viele Menschen können sich nicht das Nötigste leisten, und dann werden Tonnen von Lebensmitteln vernichtet. Da rede ich nicht einmal noch von denen, die wir wegwerfen, weil wir zu viel eingekauft oder zu viel gekocht haben, oder weil es uns einfach nicht so schmeckt, wie wir es erwarteten.

Nein, es geht um die Lebensmittel, die bei der Produktion bereits als Ausschuss berücksichtigt werden. Aber nicht, weil es einen natürlichen Ausschuss gibt, sondern Erdäpfel, die nicht groß genug sind, Gurken, die nicht gerade genug sind, Karotten, die von der Erntemaschine nicht erfasst werden, Brot, das nach einem halben Tag nicht mehr frisch ist, Fleischstücke, die einfach nicht verwendet werden, usw.

Aber produziert muss viel werden. Die Wirtschaft muss florieren und die Verpackungs- und auch Abfallwirtschaft will schließlich auch leben.

Doch die Billigproduktion ist in allen Stufen einfach lediglich wirtschaftsfreundlich und absolut menschenfeindlich. Sei es von den Arbeitsplätzen angefangen, bis zu den gesundheitsschädigenden Maßnahmen, um diese Form der Produktion überhaupt durchführen zu können.

Da die Leute diese riesigen Mengen gar nicht essen können, muss alles so verpackt werden, dass der Überschuss einerseits von den Käufern entsorgt werden muss, aber andererseits – noch krasser – wird überhaupt gleich von Anbeginn aussortiert und weggeworfen. Was aber selbstverständlich im Preis berücksichtigt werden muss.

Dass Bauern da nicht mitkönnen, ist schon mal logisch. Dass in Produktionsbetrieben nur austauschbare Billigkräfte herangezogen werden, wohl auch.

Das Argument des Preisdumpings für Qualitätserzeugnisse, dass sich auch der Normalverbraucher alles leisten können muss, hinkt natürlich gewaltig. Denn haltbar gemachte Lebensmittel sollte sich keiner leisten müssen. Und auch nicht Erdbeeren im Winter. Aber eine krumme Karotte hat noch niemandem geschadet.

Menschen werden quasi wie Bettler auf die Felder „geschickt“ und alles, was nicht in den Handel kommen darf, ist auf einmal immer noch gut genug für sie. Andere wühlen im Abfall und können sich gut davon ernähren.

Doch in den Supermärkten können sich Viele frische Lebensmittel nicht leisten, weil natürlich auch die Überproduktion bezahlt werden muss. Deshalb ist die Ware für diese erst nach ablaufbedingter Verbilligung erschwinglich, was aber bereits in den Preisen berücksichtgt wurde.

Und dann kommen unsere Politiker daher und kürzen Mindestsicherungen, weil wir sie uns angeblich nicht leisten können.

Aber dieses Abfallaufkommen, das können wir uns leisten!

Unappetitlich nenne ich dieses Verhalten. In äußerstem Maße unappetitlich.

Auf der einen Seite müssen Menschen hungern oder können sich nicht mit frischen, gesunden Lebensmitteln ernähren, weil durch diese Form des Überflusses nur eine bestimmte Klientel bedient wird, nämlich die, für die es keineswegs nötig wäre, Billiglebensmittel zu kaufen. Doch diese, die nicht auf den Euro schauen müssen, und sich deshalb auch gerne in die Wegwerfgesellschaft eingliedern, sichern den Produzenten ihren Profit und da kann es ihnen egal sein, ob sie die Hälfte davon auch wieder wegwerfen. Auch ob sie Arbeitsplätze vernichten, vornehmlich die der Kleingewerbetreibenden und Qualitätsproduzenten, was nicht nur zum Verlust von allgemeiner Lebensqualität, sondern wiederum in die persönliche Armutsschleife führt.

Und andererseits wird ein Unmaß an Lebensmitteln vernichtet.

Ich fragte mich, wie müssen sich die Bürger dieses Landes fühlen, die sich das Nötigste nicht leisten können, wenn sie diese Bilder sehen, wo täglich Tonnen von Lebensmitteln einfach vernichtet werden. Sei es jetzt, bevor sie überhaupt in den Handel gelangen, oder jene die am Ende des Tages im Müll landen.

Anstatt in die Lobbies der Werbewirtschaft, Verpackungsindustrie und Abfallbeseitigung zu investieren, wäre das Geld weitaus besser angelegt, es in sozialförderliche Maßnahmen, die ja ebenfalls Wirtschaftszweige öffnen, oder Bildung zu investieren. Da könnte man viele hochwertige Arbeitsplätze damit schaffen und alle in diesem Land hätten genügend Arbeit und auch genug zu essen und auch noch etliche, die dazukämen.

Aber die Politik unserer Tage zielt auf ganz anderes ab. Die sozialdemokratischen Bemühungen vergangener Regierungen werden mit Füßen getreten und mit ihnen eine Großzahl unserer Bürger. Die Schere zwischen Arm und Reich wird geschärft.

Alles, wofür unsere Großeltern und Eltern gekämpft hatten, wird ausgehebelt und in Propaganda versenkt.

Und neben Bergen von Lebensmittelmüll verhungern die Menschen. Nicht irgendwo in der Dritten Welt. Nein, hier bei uns.

Wenn das nicht obszön ist, dann weiß ich nicht, was dann.

 

© m.l.

 

3 Comments

  • Traveller commented on 20. Mai 2016 Reply

    Du schreibst mir aber sowas von aus der Seele!

    Und ein ganz zentraler Satz ist für mich:

    Die Wirtschaft wird höher gereiht als die Menschen.

    Das ist ein weites Feld, ein riesiges Thema. Eins, mit dem ich mich inzwischen immer öfter beschäftige.

    Aber bleiben wir bei den Lebensmitteln:
    Überproduktion und Wegwerfen, das ist wirklich obszön im Angesicht von Menschen, denen es oft am Nötigsten fehlt.

    Normierung von Naturprodukten, damit sie industriell besser „funktionieren“ (bei Ernte, Weiterverarbeitung) – dieses Denken macht auch beim Menschen nicht Halt.
    Und was nicht passt, ist eben „Ausschuss“.

    Das zeigt ganz klar, wo die Prioritäten liegen: Es geht um Gewinne, und zwar um immer mehr. Allerdings nicht für alle oder die meisten, sondern für einige wenige.

    Wirtschaftswachstum ist das Kriterium, an dem alles gemessen wird. Angeblich geht ohne Wachstum gar nichts.
    Und da wird die Politik zum Handlanger der Wirtschaft, statt sich für die Menschen und ihr Wohl einzusetzen, wie es eigentlich ihre Aufgabe wäre.

    Die Frage stellt sich jetzt aber:
    Was können wir, was kann ich tun?
    Denn jeder von uns hat ein Stück weit Verantwortung für die Entwicklung.

    Beispiel Bäcker:
    Ladenketten verpflichten Bäcker, die dort ihren Stand haben, dass sie bis kurz vor Ladenschluss praktisch das komplette Brotsortiment vorrätig haben sollen. Klar, dass dann viel übrig bleibt und weggeworfen wird.
    Ich kaufe bei unserem Bäcker im Dorf ein. Und wenn ich weiß, dass mein Lieblingsbrot schon mal weg sein kann, bevor ich dort bin, dann bestelle ich es vor.
    Es gibt dort z.B. auch nicht jede Brotsorte jeden Tag. Dadurch ist das Angebot beschränkt, aber der Überschuss eben auch.

    Viele Menschen meinen ja, dass sie als Einzelne keine Einflussmöglichkeit haben. Aber viele Einzelne geben auch eine Menge – und die kann dann eben doch etwas bewirken (siehe z.B. Boykott bestimmter Produkte).

    • mona commented on 21. Mai 2016 Reply

      ich denke, das kann wirklich jeder für sich und sehr einfach mit seiner selbstverantwortung entscheiden.
      aber dafür muss er erst einmal eine haben 😉

  • Traveller commented on 23. Mai 2016 Reply

    *nickt*

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