12| Massenmenschenhaltung

Alle sprechen von Idomeni und von den menschenunwürdigen Zuständen, die dort herrschen. Mit Sicherheit zu Recht. Ich kann das allerdings nicht genau beurteilen, weil ich nicht vor Ort war und würde deshalb nie darüber schreiben. Aber ich kann beurteilen, wie die menschenunwürdigen Zustände in unserem Land dann weitergehen, wenn die Flüchtlinge schon einmal da sind.

Ich habe in meiner unmittelbaren Nähe eine Flüchtlingsunterkunft für ca. 60 Männer, die ich regelmäßig besuche. Ich bin wohl nicht so der typische Refugees-Welcome-Typ, sondern ich mache mir einfach gern ein eigenes Bild, um dann so reagieren zu können, wie es MEIN Gefühl mir sagt. Ich lasse mich nicht gerne vor den Karren von irgendwem spannen.

Nun sind die Männer also ungefähr ein halbes Jahr in diesem Haus untergebracht, das vorher ein schlecht ausgebuchtes Hotel war, weil es minderen Standard anbot. Was in einer Fremdenverkehrsgegend wie der unseren von den Gästen nicht so gefragt ist, die verständlicherweise für ihre Ferien doch einigen Komfort wünschen. Noch dazu steht es ganz allein mindestens 2 km von der nächsten Ortschaft entfernt. Es gibt kein öffentliches Verkehrsmittel dahin und natürlich keinerlei Infrastruktur.

Für die Asylwerber-Unterkünfte gibt es vom Land Verträge mit Unternehmern, die dann für die Unterbringung der Asylwerber zuständig sind. Und nur sie. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Jeder Wirt wird ein Lied davon singen können, wie ihm von den Behörden das Leben schwer gemacht wird, weil Küchen und Vorratsräume akribisch beregelt werden. Wie andauernd irgendwelche Kontrollen durchgeführt werden.

So nicht hier. Da gibt es keinerlei Kontrollen mehr. Es gibt nur eine Instanz und das ist die Grundversorgungsstelle für Fremde im Hauptreferat Sozialwesen. Die ist anscheinend für alles zuständig, aber irgendwie unterbesetzt. Genau abklären kann man es auf den ersten Blick nicht, weil nicht eine einzige Agenda auf der Homepage angeführt wird – im Unterschied zu den anderen Referaten in der Abteilung Soziales. In unserem Bundesland gibt es überhaupt nur einen provisorischen Referatsleiter, der auf Anfragen oder Beschwerden einfach nicht reagiert. In der letzten Zeit wurde sogar vermutet, dass er nicht mehr im Amt sei. Was sich allerdings als Falschmeldung herausgestellt hat.

Unser Unternehmer ist also für alle Belange der Bewohner zuständig, er ist der einzige Chef. Er kassiert rund 30.000 Euro im Monat für die Männer und bietet dafür folgendes:

Überbelegung in den Zimmern, mit Betten ohne Bettwäsche, ungeschützten Steckdosen, Schimmel an den Wänden, schlechtschließenden Fenstern, was besonders im Winter große Probleme machte, weil auch die Heizung nur sporadisch funktionierte. Warmwasser gibt es auch nur hin und wieder. Und das Wasser auf den Zimmern darf ausdrücklich nicht getrunken werden. Es kommt scheinbar vom Brunnen.

Das Essen ist unbeschreiblich. Es gibt fast nur Huhn und das ist eindeutig oft gammelig. Es wird offensichtlich nur abgelaufene Ware verwendet. Hauptsächlich gibt es Reis mit undefinierbaren Soßen. Unmengen von matschigem Weißgebäck liegt herum, Margarine und marmeladenähnliches Etwas aus der Slowakei. Gemüse gibt es selten. Und Obst meistens nur, wenn wir es bringen. Der Koch kommt nur dreimal in der Woche. Und es kann passieren, dass es Tage gibt, wo halt grad mal kein Essen da ist. Dann müssen die Männer eben hungern. Gelagert werden die Lebensmittel in einem Gang, der zu den öffentlichen Toiletten führt. Und putzige Mäuschen sieht man auch dauernd herumlaufen.

„Betreut“ werden die Männer von zwei ausländischen Frauen, die natürlich keinerlei Befugnisse oder Kompetenz haben, und außerdem heillos überfordert sind. Es gibt weder ausreichende Putzmittel, und für die persönliche Hygiene schaut es sowieso schlecht aus. Zahnpaste ist Mangelware, selbstverständlich auch Duschgel oder Haarshampoo. Für 60 Männer gibt es EINE Waschmaschine im Haus!

Die Männer sind in allem sich selbst überlassen. Es gibt zwar den freiwilligen Hilfsdienst der Diakonie (dem ich NICHT angehöre), aber dieser hat ebenfalls keinerlei Befugnisse. Dennoch machen die HelferInnen den gesamten Deutschunterricht und kümmern sich halt auch sonst ein bisschen. Aber dass so eine Männergruppe, die weder unsere Sprache noch unsere Gepflogenheiten kennt, einer leicht ordnenden Hand bedürfen würde, scheint eigentlich logisch. Aber scheinbar nur monalogisch. Denn dafür ist von Seiten des Referats oder auch sonst woher niemand zuständig.

Darüberhinaus darf offiziell niemand die Männer besuchen. Auch ich bekomme jetzt einen „Pass“, damit ich mein Obst dort abgeben und den Männern mit meinen selbstgebastelten Deutschspielen die Zeit ein wenig sinnvoll vertreiben darf. Das ist aber vom Goodwill des Unternehmers abhängig, wie alles andere auch. Also aufmüpfig sein darf man nicht, weder als Bewohner, noch als Besucher, weil sonst sind diese „Vergünstigungen“ gleich gestrichen.

Wenn ich die Verhältnisse so betrachte, dann ist mir auch klar, warum dort niemand Zutritt bekommen soll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass dies Rechtens ist. Denn immerhin sind sie ja keine Gefangenen und dürfen selber auch hinaus. Seltsamerweise ist auch der „Restaurationsbetrieb“ noch geöffnet, es können dort also auch Gäste essen hinkommen, wovon allerdings dringend abzuraten ist.

Apropos Gefangene: Bis zur Unterbringung der Flüchtlinge wurde dieses Haus gerne dafür verwendet, um entlassenen Häftlingen eine billige erste Bleibe zu bieten. Das erwähne ich nur wegen der ewigen Diskussion über die Unsicherheitssituation, die durch die Flüchtlingsunterkunft gegeben sein soll.

Es gäbe natürlich noch viel zu der Situation zu schreiben.
Aber darum geht es mir hier gar nicht so sehr. Da müssen wir uns eh vor Ort darum kümmern. Und was ich bereits geschrieben habe, sollte genug sein, um verständlich zu machen, worum es mir im Folgenden geht.

Und zwar darum, dass ich selbstverständlich auf diese Geschichten schon unzählige Kommentare in der Art erhalten habe, wie:
„Ja, wenns ihnen bei uns nicht passt, dann ab nach Hause mit ihnen.“ Oder natürlich das Obligate: „Wer kümmert sich denn um unsere Leute …“ und dgl. Man kennt die Sprüche ja zur Genüge.

Und dann denke ich immer: Das sind im Augenblick meine Nachbarn!

Das sind nicht Leute, von denen ich etwas lese, oder höre. Das ist keine anonyme Masse. Das sind keine Zahlen in irgendwelchen Berichten, keine Fotos in Reportagen. Das sind Menschen, die ich vor mir habe. Mit denen ich spreche, deren Namen ich kenne, die ich sehe, höre und manchmal auch rieche (siehe oben).

Jenseits von allem politischen Getue und dem Abwälzenwollen auf die öffentlichen Stellen, und jenseits der eventuell nicht für jeden nachvollziehbaren Fluchthintergründe – frage ich mich dann:

Kann man als Mensch, der so etwas sieht, einem Anderen wünschen, dass er so behandelt wird? Egal, aus welchen Gründen?

Oder gehen die Leute genau deshalb lieber mit geschlossenen Augen per Vorurteil auf die Zuwanderer los, weil es ihnen, WENN sie es einmal sehen würden, nicht mehr möglich wäre, eine solche Haltung aufrecht zu erhalten?

Gegen Massentierhaltung steigt dauernd jemand auf die Barrikaden. Wieso nicht gegen Massenmenschenhaltung unter unwürdigsten Bedingungen?

Weil es „Fremde“ sind? Ist es wirklich so einfach?

Ich glaube nicht. So eine Einstellung muss in einem Menschen verankert sein und sich auch in anderen Bereichen zeigen.
Und von solchen Leuten sind wir alle umgeben …..

 

© m.l.

 

4 Comments

  • Traveller commented on 12. April 2016 Reply

    Für die Asylwerber-Unterkünfte gibt es vom Land Verträge mit Unternehmern, die dann für die Unterbringung der Asylwerber zuständig sind. Und nur sie. Ich hätte das nie für möglich gehalten.

    das hätte ich mir auch nicht vorstellen können

    in unserer Gemeinde (bestehend aus 106 Dörfern, also eine ländliche Struktur) gibt es keine größeren Flüchtlingsunterkünfte
    die Gemeinde kümmert sich darum, dezentral die Flüchtlinge unterzubringen
    ich kann allerdings nicht sagen, wie genau dann geschaut wird, ob alles gut läuft für die Asylbewerber

    die Zustände, die du schilderst, sind allerdings grauenvoll; so kann ich doch nicht mit Menschen umgehen
    und wenn ich mir vorstelle, was diese Männer schon durchgemacht haben, und dann so eine Kasernierung unter unwürdigsten Bedingungen …

    aber es geht dir ja eigentlich um etwas anderes:

    Das sind nicht Leute, von denen ich etwas lese, oder höre. Das ist keine anonyme Masse. Das sind keine Zahlen in irgendwelchen Berichten, keine Fotos in Reportagen. Das sind Menschen, die ich vor mir habe.

    ich kenne solche abfälligen Sprüche auch in meinem Umfeld
    und meist kommen abfällige Bemerkungen von den Menschen, die selber mit den „Fremden“ am wenigsten zu tun haben
    eine Diskussion, der Versuch eines Gesprächs mit Argumenten ist da gar nicht möglich

    und diese Grundeinstellung zeigt sich auch in anderem
    darin, dass z.B. auch über Homosexuelle abwertend gesprochen wird
    oder türkische Bürger als „Kanaken“ oder „Schwarzfüße“ tituliert werden

    wenn ich das erlebe, bin ich im Zwiespalt:
    mische ich mich in das Gespräch ein oder gehe ich einfach weg
    inzwischen gehe ich dann meist

    • mona commented on 16. April 2016 Reply

      wenn ich das erlebe, bin ich im Zwiespalt:
      mische ich mich in das Gespräch ein oder gehe ich einfach weg
      inzwischen gehe ich dann meist

      das diskutieren wir auch zu hause oft, wie ist es denn richtig. soll man sich „stellen“, kann man das einfach so hinnehmen. „muss“ man denn nicht etwas dagegen setzen.
      in der zwischenzeit sage ich: nein, muss man nicht. es ist leider vergeudete energie.
      ich versuche eventuell im kleinen, also mit einzelpersonen manchmal, herauszufinden, ob vielleicht was geht. aber in größeren gruppen kann man das vergessen. jeder sitzt auf seiner meinung und geht davon nicht ab. und ich ärgere mich dann nur. ärger schadet aber meiner schönheit. und bewirken kann ich nichts damit. also gehe ich auch weg. ich möchte mit solchen leuten einfach nichts zu tun haben. und das ist mit sicherheit mein gutes recht (zumindest einstweilen noch).
      außerdem erscheint es mir persönlich sowieso wichtiger, was ICH tu, also wie ICH denke und wie ICH danach handle.

  • Traveller commented on 18. April 2016 Reply

    in der zwischenzeit sage ich: nein, muss man nicht. es ist leider vergeudete energie.
    ich versuche eventuell im kleinen, also mit einzelpersonen manchmal, herauszufinden, ob vielleicht was geht. aber in größeren gruppen kann man das vergessen

    genauso sehe ich das auch *nickt*

    und ja, das entscheidende ist, dass ich selber so rede und handele, wie ich denke, dass es richtig ist
    und wenn ich ganz viel Glück habe, wirke ich dadurch als „Keim“ für andere

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