08| Egoismus vs. Egozentrik

Die Förderung der Egozentrik in unserem Gemeinschaftswesen ist eine derzeit schwer grassierende Zeitgeisterscheinung.
Sie verfolgt die Auflösung der Gemeinschaft. Als Einzelwesen ist der Mensch wesentlich leichter zu steuern. Das wurde hier schon in den Kommentaren zu Monolog 04| Meine Angst über das Phänomen von „Masse und Macht“ besprochen.

Der Mensch als Herdenwesen mit seinem Wissen, dass er als Einzelwesen herumrennt, sich also nicht intuitiv der Herde zugehörig fühlt, hat allein die meiste Angst (was auch vollkommen logisch ist und ihn ja eigentlich in der Gemeinschaft Schutz suchen lassen sollte). Er schließt sich deshalb gerne, und oft ziemlich unhinterfragt, der Masse an. Ist also auf diesem Wege am leichtesten zu manipulieren und zu steuern.
Da in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr auf das Wohl des Menschen hingearbeitet wird, sondern auf das Wohl der Wirtschaftsmächte und einzelne ihrer Nutznießer, ist die Loslösung von der Gemeinschaft das beste Werkzeug für eine steuerbare Masse.

Gerne wird in unserer Gesellschaft die Individualisierung, die Besinnung auf das Ego propagiert. Doch die „Individualisierung“ auf dieser Ebene ist ein Trugbild. Sie hat mit wahrer Individualisierung nichts gemeinsam. Sie ist verhängnisvolle Egozentrik.

Individualismus und Egoismus dienen den Prinzip „von innen nach außen“. Das Individuum ist ein Einzelding und das Ego ist das Ich. Also die kleinsten Bestandteile einer Gesellschaft.
Diese zu pflegen, indem man auf sich und seine Bedürfnisse achtet, ist eine absolut gesunde Art, sich in einer Gemeinschaft zu bewegen.

Aber ein egoistisches Bedürfnis des Herdenwesens Mensch ist es auch, im Sinne seiner Herde zu existieren.
Deshalb gilt der Grundsatz des selbstliebenden Egoismus nur so lange, als man das Prinzip der Herde nicht auszuhebeln versucht. Das heißt, so lange, als man seine eigenen Bedürfnisse nicht über die eines Anderen oder der Gemeinschaft stellt. Es muss eine Ausgewogenheit entstehen, die für beide Bereiche positive Gültigkeit hat.
Dann können wir auch an der Gemeinschaft partizipieren.

Fordern wir aber von Anderen, dass sie für unser Wohlbefinden zu sorgen haben, geht der Weg von außen nach innen und wird deshalb für die Anderen oft bedeuten, dass sie ihre Egos unterordnen müssen.

Dann zentrieren wir unser Ego nicht in der Form von Egoismus im Sinne der Selbstliebe, indem wir es im Mittelpunkt der Gesellschaft sehen, von dem wir in die Gemeinschaft gehen und uns einbringen.
Sondern wir zentrieren unser Ego, indem wir von Anderen fordern, dass sie auf uns zugehen und uns etwas bringen müssen.
Also verläuft der Weg „von außen nach innen“ und damit in verkehrter Richtung, die immer zu Störung, oft sogar zu Stillstand führt – wie in Monolog 06 beschrieben.
Das ist dann Egozentrik.

Zumindest ich habe mir angewöhnt, diese beiden Bereiche mit diesen Begriffen zu definieren, um ihren Unterschied auch klar mit einem einzigen Wort auszudrücken, was mir dabei hilft, eine schwammige Auslegung zu verhindern.

 

© m.l.

 

9 Comments

  • Traveller commented on 15. März 2016 Reply

    ich finde es gut, dass du hier deutlich machst, wie du – für dich und dein Schreiben – die Begriffe Egoismus und Egozentrik benutzt, da das ja nicht so ganz allgemeingültig ist

    Egozentrik ist auch für mich ganz klar eine Einstellung, ein Verhalten, bei dem das Ich in den Mittelpunkt gestellt wird und alles darauf bezogen bzw. alles daran gemessen wird
    alles hat sich sozusagen um das Ich zu drehen

    Egoismus bedeutet (laut Wikipedia) „Eigeninteresse“, „Eigennützigkeit“, laut Duden auch „Eigenliebe“, „Ich-Bezogenheit“ (und noch mehr)
    das kann sowohl positiv als auch negativ gesehen werden
    viele verwenden den Begriff Egoismus negativ, weil sie damit eine übertriebene Eigenliebe meinen, das wäre dann das, was du Egozentrik nennst, denke ich

    für mich ist Egoismus zuerst etwas Positives, ich sage deshalb oft „gesunder Egoismus“, weil ja eine Portion Selbstliebe und Selbstfürsorge wichtig ist
    nur wenn es mir gut geht, kann ich auch etwas für die Gemeinschaft tun – da sind wir wieder beim „von innen nach außen“ und „vom kleinen zum großen“ und sind wohl auf einer Linie

    Individualismus, eigentlich klingt das erstmal gut
    jeder darf sich selber entwickeln, verwirklichen, das Individuum steht im Mittelpunkt
    und ausgehend von meinen individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten kann ich ein lebendiges Mitglied einer Gemeinschaft sein

    Individualismus kann aber auch zum Zwang werden, zum Zwang, etwas Spezielles sein zu müssen
    da geht es dann um Abgrenzung und das kann aus der Gemeinschaft herausführen

    • mona commented on 15. März 2016 Reply

      ich finde es gut, dass du hier deutlich machst, wie du – für dich und dein Schreiben – die Begriffe Egoismus und Egozentrik benutzt, da das ja nicht so ganz allgemeingültig ist

      ja, ich sehe es als wichtig an, weil ich ja möchte, dass wir beide vom selben reden.
      siehst du, da kommen wir wiede rzum spüren. sprache kann zu sehr großen missverständnissen führen. nonverbale kommunikation hätte da prinzipiell viel weniger fußfallen. natürlich nur, wenn man seine sinne dafür schärft. weil das in unseren breitengraden ja bereits ziemlich verbildet abläuft.

      aber ich sah es auch für MICH allein als ganz wichtig an, bestimmte begriffe für bestimmte vorgänge zu setzen und sie dann nur dafür zu verwenden. das hilft sehr dabei, sich selbst auch besser zu verstehen, wenn man nicht alles durcheinander mengt. auch beim inneren dialog ist es wichtig, sich so exakt wie nur möglich auszudrücken. damit man sich selber nicht austrickst.

      ich habe also den „gesunden“ egoismus einfach durch egoismus ersetzt und den nicht gesunden durch egozentrik. ich habe mir da auch wieder eine ganze einfache „regel“ gestrickt. ego – das ich. ismus – die nachsilbe. also ich könnte es auch ichheit nennen.
      (ist gar nicht so schlecht … das kommt eigentlich gut hin … egoistisch zu handeln wäre dann ichheitlich zu handeln, also auf meine ichheit zu achten. das klingt so nach: auf meine ganzheit als ich. gefällt mir *gg*)

      dass wikipedia das anders definiert … wie hatten wir gerade in einem anderen dialog: so viel zu experten 😉

      das mit der selbstliebe und mit den schon öfter zitierten richtungen siehst du ganz genauso wie ich.
      und sie treffen auch für den individualismus zu.
      wenn man sie andersrum anwendet, geht’s wieder in die hose.
      wenn man sich über individualismus erhöhen will, damit die anderen aufschauen müssen, bzw. auf den einzelnen zukommen sollten, dann stimmts eben nicht mehr.

  • Traveller commented on 22. März 2016 Reply

    „ichheit“ und „ichheitlich“ – die Begriffe gefallen mir
    ja, sie lassen an das Ich als Ganzes denken

    ich glaube, in all unseren Rollen, die wir im Alltag in unterschiedlichen Situationen spielen, geht das Ganzheitliche oft verloren
    und dann ist der Mensch nicht mehr authentisch (schon wieder ein Fremdwort; gegoogelt, kommt vom griechischen Wort für „echt“ – wieder was gelernt)

    ich denke, es ist wichtig, dass wir in all unseren Facetten, die wir der Welt zeigen, einen echten Kern haben
    und den können wir wohl nur finden und bewahren, wenn wir eine gehörige Portion Egoismus – Ichheit – besitzen

    • mona commented on 22. März 2016 Reply

      unsere ganzheit als ich bedarf ja des du. das lassen viele gern außer acht. es bedarf der gemeinschaft (weil ja herdenwesen).
      deshalb ist ein ichheitliches handeln immer auch im sinne der gemeinschaft zu sehen.
      ganz einfaches beispiel: wenn es meinem partner schlecht geht, kann es mir in meiner ichheit nicht wirklich gut gehen, oder?

      im übrigen, ich liebe den begriff der authentizität.
      sie ist eigentlich der begriff für die verantwortung der ichheit.
      wenn ich so spreche, aber anders handle, dann gibt’s keine echtheit in meinem ich. dann ist entweder der sprechende teil falsch oder der handelnde …

      und schon wieder haben wir eine zweiteilung (was sage/denke ich – was tue ich) *gg*

  • Traveller commented on 23. März 2016 Reply

    unsere ganzheit als ich bedarf ja des du.

    da fällt mir spontan Robinson Crusoe ein
    als er alleine auf seiner Insel war, wurde er fast verrückt, weil im Gemeinschaft fehlte
    „gerettet“ wurde er dann von Freitag

    wenn ich so spreche, aber anders handle, dann gibt’s keine echtheit in meinem ich

    und genau daran krankt wohl ein großer Teil unserer Gesellschaft
    ob es um Flüchtlinge geht, um Klimaschutz, um Bildung, egal
    es wird viel gesprochen, versprochen – aber was dann passiert, läuft oft komplett konträr

    ich lese gerade das Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ von Christian Felber
    praktisch in allen Verfassungen demokratischer Staaten stehen Werte wie Freiheit, Gleichheit, etc.
    Ziel ist u.a., das Gemeinwohl zu mehren
    die jetzige Wirtschaft hat aber nicht diese Werte als Grundlage, sondern das Ziel mehr Geld, mehr Profit zu machen (wenn das Gemeinwohl etwas abbekommt, ist das eher ein Nebeneffekt)
    und durch die Politik, durch Gesetze wird diese Form der Wirtschaft gefördert, obwohl sie den Werten im Grundgesetz entgegenläuft

    die Idee einer neuen Wirtschaftsform fußt nun auf dem Gedanken, Werte und Ziele von Gesellschaft und Wirtschaft wieder zusammenzuführen
    das Ziel von Unternehmen soll die Mehrung des Gemeinwohls werden, Geld ist ein Mittel aber nicht mehr der Zweck des Wirtschaftens (das hat nichts mit Privatisierung, Kommunismus etc. zu tun)
    also auch hier geht es darum, Sprechen und Handeln wieder zusammenzuführen

    ich glaube, zu diesem Thema könnte ich jetzt mit Monologen anfangen 😉

    • mona commented on 23. März 2016 Reply

      so geht’s mir auch. darüber könnte ich endlos schreiben. aber die zeit … 😉

      zu meinem immer wiederkehrenden satz zu dem thema „die wirtschaft ist nicht mehr für den menschen da, sondern der mensch für die wirtschaft“ gesellt sich seit gestern ein neuer:
      „in unserer gesellschaft – und überhaupt in der politik – geht es nicht um werte, sondern um wertsachen„.

      und ich hab noch ein buchbeispiel dafür, wie wichtig es ist, sein umfeld in die ichheit einzubeziehen: „die wand“ von marlen haushofer. deren protagonistin ja plötzlich durch eine glaswand von den menschen abgetrennt ist. um nicht verrückt zu werden, muss sie lernen, das zu LIEBEN, was sie vorfindet. nämlich wieder gott – d.h. das göttliche: im greifbaren sind das tiere, natur, aber auch metaphysische prozesse, für die wir als menschen ja ausgerüstet sind. der mensch kann ohne andere menschen schon existieren, aber nur, wenn er die liebe findet, egal wozu. er muss sich ersatzlieben schaffen.
      deshalb sieht man ja auch oft, dass ganz arme und einsame menschen ein haustier haben. zum unterschied von denen, die heutzutage eines besitzen müssen.

      besser wäre es natürlich, die liebe zu anderen menschen zu finden. dann hätte der mensch die allerwenigsten probleme.

  • Traveller commented on 24. März 2016 Reply

    nicht Werte sondern Wertsachen – das passt !

    wenn man hinschaut, sieht man, dass sich in allen Bereichen dieselben Grundprobleme auftun
    weil die Beziehung des Ich zur Gemeinschaft in weiten Bereichen unterbrochen ist
    Konkurrenz statt Kooperation
    Besitz statt Beziehung usw.
    (jetzt fange ich auch schon mit diesen schönen Zweiteilungen an 😉 )

    was mich aber immer wieder hoffen lässt:
    es gibt immer mehr Initiativen, die es anders machen, die versuchen – wieder mal vom Kleinen ins Große – in ihrem Umfeld anders zu agieren und damit auch die Gesellschaft insgesamt zum Umdenken zu bringen

    • mona commented on 24. März 2016 Reply

      gell, die zweiteilungen haben es in sich *ggg*

      und ja, es macht schon hoffnung, dass es doch auch menschen gibt, die an positiven veränderungen arbeiten und sich nicht entmutigen lassen.
      und wie wir schon gut besprochen haben, es gibt keinen anderen weg dafür.

      es gibt so viele leute, die glauben, sie könnten nichts verändern und deshalb einfach aufgeben.
      sie schielen immer nur auf die großen veränderungen … und kennen unser schönes prinzip nicht.

  • Traveller commented on 24. März 2016 Reply

    🙂

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