04| Meine Angst

„Wir sind das Volk!“
Ja, und dieses Volk macht jetzt mir Angst.
Ich fühle mich davon wesentlich bedrohter als von den Zuwanderern.

Es ist so, dass ich Großveranstaltungen schon immer gemieden habe und auch versucht habe, größeren Menschenansammlungen andernorts aus dem Weg zu gehen. Weil ich mich dort nie sicher fühlte. Und da war noch lange keine Rede von Flüchtlingen und Asylwerbern.

Ich bin, als ich jung war, einmal in einer überfüllten Straßenbahn – also unter den Blicken Vieler – äußerst unangenehm begrapscht worden. Nicht, dass mir das nun starke Ängste beschert hätte. Ich steckte das eher weg, zumindest glaubte ich das. Auch das Vorbeigehen an Baustellen, oder sonstigen Männeransammlungen, war immer ein Spießrutenlauf zu dieser Zeit und was ich mir da anhören musste, das habe ich auch lieber verdrängt. Das war damals eben so und so habe ich es in mein Leben mitgenommen.
Ich war auch lange Zeit in Wien als Single unterwegs und mehr als zwei Männern in der Dunkelheit auf der Straße zu begegnen, war immer mit Mulmigkeit verbunden.
Also, da hat sich nicht grundlegend etwas für mich geändert.

Andererseits hat mir der direkte Kontakt mit den Asylwerbern noch keinen beschert, der in mir irgendwelche Ängste hochkommen ließ. Gut, heute bin ich eine alte Frau und es sind fast durchwegs wesentlich jüngere Burschen, mit denen ich in den Flüchtlingsunterkünften in meiner Nähe zu tun habe. Doch schützt mich vor blöden Sprüchen heimischer Männer mein Alter auch nicht. Unsere Asylis aber sind alles höfliche junge Männer, die mich äußerst korrekt, ja zuvorkommend behandeln. Die ihrer Freude mich zu sehen, auch Ausdruck geben können, ohne sie mit anzüglichen Bemerkungen oder Blicken zu garnieren.

Also sah ich bisher keinen Grund für verstärkte Angst, die sich aus dem Ankommen der Flüchtlinge für mich ergeben hätte.

Aber dieses Aufschäumen des Hasses, dieser Mangel an Empathie, die Erbarmungslosigkeit mit Notleidenden, die sogar im direkten Umgang mit Kindern Ausdruck findet, die Brutalität meines Kulturkreises, das alles war bisher nicht Bestandteil meines Daseins. Das kannte ich nur aus Erzählungen und aus der Beschäftigung mit der Geschichte.

Dass es kriminelle Elemente in unserer Gesellschaft gibt, war mir bewusst. Doch bisher war es so, dass mein persönliches Umfeld und mein Bekanntenkreis nicht von solchen Leuten durchsetzt schien.

Nun ist alles anders. Die Gutbürgerlichen demaskieren sich scharenweise.
Mehrmals täglich sehe ich mich Personen ausgesetzt, die Hass und Brutalität in meinen Alltag tragen. Kaum treten ein paar fremdartig aussehende Männer auf, beginnen rundherum die Räder in den Gehirnen der Anwesenden sichtbar zu laufen. Die Einen gehen in Deckung und die Anderen bringen sich in Stellung.

Es bilden sich selbsternannte Bürgerwehren und es wird aufgerüstet.

Verstärkt muss die Polzei ausrücken.
Zu den Asylantenheimen, das stimmt. Aber nicht, weil das Verhalten der Zuwanderer Einsätze erfordert, sondern weil die Einheimischen vor den Unterkünften randalieren. Es wurde auch bei uns bereits versucht, in Heime einzubrechen und wie es andernorts zugeht, könnte man ja nachlesen, wenn sich die Leute nicht lieber auf die Nachrichten konzentrieren würden, wo gerade mal ein dunkelhäutigerer Mann eine Frau „angetanzt“ hat, wie das neue Modewort lautet.

Ich lebe in einer Weingegend. Hier wird gern getrunken und was die Besoffenen so von sich geben, unterscheidet sich gewaltig von dem, was sie früher grölten.

Ich fühle mich unter meinen Mitbürgern nicht mehr sicher. Denn was sie zeigen, ist nicht von der Art, dass es Hoffnung auf Frieden bringt. Im Gegenteil, ich fürchte mich, weil ich andersdenkend bin.
Das war ich auch früher, aber da hat sich das in Diskussionen erschöpft. Manchmal mit der typischen Handbewegung geendet, mit der sich die Anderen verbündeten und die ausdrückte – spinnertes Weib halt.

Aber nun ist es gefährlich geworden, andersdenkend zu sein. Und gar danach zu handeln.
Denn es wird nicht mehr nur diskutiert, sondern es müssen Taten gesetzt werden. Das erfordert angeblich die Lage.
Und dass ich in dieser Lage ebenfalls ein Opfer sein könnte, scheint mir logisch geworden.

Das macht mir Angst, dass es so weit gekommen ist. Das war in meinem Leben bisher so nicht absehbar.

Aber es wird mich nicht daran hindern, meinen Weg weiter zu gehen. Weil mit diesem Gesindel möchte ich nichts gemein haben. Dann bin ich noch lieber ihr Opfer.

 

© m.l.

6 Comments

  • Traveller commented on 1. März 2016 Reply

    Endlich komme ich dazu, weiter bei dir zu lesen.
    Und dieser Monolog ist einer, den ich voll und ganz unterschreiben mag.

    Ich bin auch keine Freundin von Großveranstaltungen und Menschenmassen. Weil diese Massen ein Phänomen für sich sind.
    Gerade habe ich wieder gelesen, dass Menschen sehr unterschiedlich reagieren, ob sie alleine sind oder in einer Masse.
    Dinge, die sie als Einzelne ablehnen, tragen sie in der Masse mit. Verhaltensweisen, die sie persönlich nicht an den Tag zu legen behaupten, nehmen sie an, sobald sie sich in einem Rudel befinden.
    Das ist wohl ein psychologisches Phänomen, hat nichts mit der Qualität der Verhaltensweisen zu tun.

    Und auch mir macht es Angst, dass immer mehr Hass laut wird in Worten und Taten. Ich frage mich, woher dieser Hass kommt. Er entsteht sicher nicht erst durch die Flüchtlingskrise, er muss schon lange im Untergrund schwelen, muss in den Menschen stecken, nur überdeckt von einer dünnen Schicht „Zivilisation“.

    • mona commented on 1. März 2016 Reply

      schön, dass du wieder da bist 🙂

      das hast du gut auf den punkt gebracht. dir brauche ich also „masse und macht“ von elias canetti nicht zu empfehlen *gg*

      in der masse reagiert der mensch oft anders, als alleine. es ist nun einmal so, dass der mensch ein herdentier ist.
      die angst schlägt sich in der masse auf die seite, kein bestandteil der herde zu sein. das kann dazu führen, situationen, die tatsächlich angst bereiten sollten und hilfe erfordern würden auszublenden, um sich der masse nicht entgegenstehend zu sehen. der rest ist dynamik.

      der mensch als einzelwesen ist sich durch seine bewusstheit auch dessen bewusst, dass er einzeln nahezu schutzlos ist. deshalb ist er leider auch ein mitläufer.
      und dies erklärt wohl auch ein bisschen den hass, der derzeit so stark sicht- und fühlbar wird.

      die angst vor dem fremden (was auch einfach nur eine neue situation sein kann), das noch dazu derzeit ebenfalls in scheinbarer masse auftritt, lässt menschen oft zum mitläufer von offensichtlichen kämpfern werden. die wirken stark. die schweigende mehrheit oder die menge, die lichtlein tragend frieden fordert, bietet ihnen zu wenig „schutz“.
      noch dazu würde es, um sich der helfenden herde anzuschließen, erfordern, selbst tätig zu werden. dafür fehlt es zusätzlich noch vielen an so manchem anderen, wie selbstverantwortung, empathie und vielen auch bildung. wissens- und vor allem herzensbildung.
      und das tritt dann natürlich in solchen zeiten deutlich hervor.
      und damit haben wir schon den nächsten mob, der leider ebenfalls das phänomen der masse in sich trägt. und mir genau aus diesem grund meine angst beschert.

  • Traveller commented on 1. März 2016 Reply

    vielleicht sollte ich Canetti trotzdem mal lesen (leider haben sie das Buch nicht in unserer Bibliothek, aber es gibt ja noch eine Fernleihe)

    es ist natürlich einfacher, sich einer Herde anzuschließen, als einen eigenen Weg zu gehen (und eventuell von der Herde überrannt zu werden)

    ich lese gerade ein seeehr spannendes und super geschriebenes Buch von Harald Welzer (Sozialpsychologe): Selbst denken!
    und das scheint eben auch sehr schwer zu sein, weil unsere Prägungen (Vorstellungen, Verhaltensweisen etc.) – wenn ich das richtig verstanden habe – hauptsächlich auf der unterbewussten Ebene wirken
    dazu kommt noch, dass Wissen und Handeln zweierlei ist und wir da durchaus Diskrepanzen ignorieren können

    Herzensbildung – ein schönes Wort, ein altmodisches Wort
    aber eine Sache, die ich auch unheimlich wichtig finde
    in einer Zeit, die immer mehr auf Konkurrenz setzt (schon in der Schule), wird sie seltener
    ich hoffe, sie stirbt nicht ganz aus

    • mona commented on 1. März 2016 Reply

      ach, ich denke heute gibt es viele gute bücher zum thema „masse und macht“. ich glaube allerdings, dass viele auf seinem werk aufbauen. egal, ob pro oder kontra.
      canetti widmete sich halt doch so ziemlich als erster durchgehend diesem thema. und er tat es höchst persönlich, berichtete auch darüber, wie er dazu kam, sich beinahe fanatisch jahrzehntelang mit dem thema auseinanderzusetzen. weil er sich selbst in solchen strudeln der masse fand und „mitlief“. er ist ja weder wissenschafter noch psychologe gewesen. er war schriftsteller. und das genial.
      das machte mir damals mut. es zeigte mir, dass es viel wichtiger ist, sich dem zu stellen, was man tut, als zu versuchen, sich und anderen perfektes tun vorzugaukeln.

      tja, die konditionierungen! die machen uns wohl zeit unseres lebens das leben schwer. weil wir sie niemals ganz durchblicken können. es ist wie bei einer zwiebel (ist nicht von mir – hab ich aus dem peer gynt), kaum hat man eine schale abgelöst, kommt die nächste zum vorschein.

      deshalb halt ich ja so viel davon, sich im spüren zu üben. spüren ist viel näher an der persönlichen wahrheit als denken. weil spüren können wir sofort und auch danach handeln, wenn wir auf die welt kommen. denken – nun, das lernen wir erst und da vieles, was uns die masse vorgibt.

      das schließt wieder den bogen zu canetti. da hat er mir viel geholfen mit seinen büchern. in welchen er immer wieder berichtete, wie er sich verlief und wieder zu sich fand. wie er aufgrund seiner besessenheit dem thema gegenüber, oft angst vor dem wahnsinn hatte.
      ich dachte damals, wenn das so einem gescheiten menschen passiert, dann brauche ich mich nicht zu fürchten, weil ich diese angst auch oft hatte. mut zum dranbleiben, das lernte ich von ihm.

      das phänomen der masse zu durchschauen ist der beste schutz gegen manipulation. aber man kann niemals sicher sein, dass es einem gerade gelingt. man muss es sich an so vielen ecken und enden immer neu erarbeiten.

  • Traveller commented on 2. März 2016 Reply

    „Mut zum Dranbleiben“ – ich denke, der ist ganz wichtig
    denn Mut braucht es, wenn man nicht mit dem Strom schwimmt

    zum Spüren:
    ja, Gefühle sind uns viel näher als rationale Gedanken
    man kann Menschen viel eher über Gefühle erreichen als über logische Argumentationen (leider)
    und das ist wohl auch einer der Gründe, warum Gruppierungen wie z.B. die AfD in Deutschland Zulauf haben; sie sprechen die Gefühle der Menschen, ihre Ängste an

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