02| Positiv denken?

Die Gegenwartsgesellschaft scheint mir davon geprägt, dass jeder Angst davor hat, dass ihm irgend etwas weggenommen werden könnte.
Ich weiß gar nicht, ob es Gier ist.
Ich denke vielmehr, es ist simple Verlustangst, die dann im unbedingten Festhalten und Verteidigen mit Zähnen und Klauen ihren Ausdruck findet.

Leider ist dies auch bei Diskussionen so. Ist man anderer Meinung, zeigen Viele eine Reaktion, die aussieht, als hätten sie Angst, es würde ihnen mit dem einen oder anderen Argument jemand etwas wegnehmen wollen. Es ihnen nicht vergönnen, dass sie z.B. eine positive Sicht auf etwas haben, das logisch betrachtet jedoch eher verfault ist.

Ich halte das für mich anders. Ich suche positive Perspektiven, wo sie nur möglich sind. Aber sie müssen letztendlich auch den Negativtest bestehen. Ich habe gelernt, die Welt mit offenen Augen ertragen zu können. Ich brauche dafür keine Verdrängungsmechanismen und auch kein militantes Positives-Denken.

Auch wenn man eine Situation als negativ einschätzen kann, gibt es solange man lebt immer etwas, das es ermöglicht, sich einen positiven Ausgangspunkt für das Weitergehen zu suchen. Einen, der dann aus dieser negativen Situation herausführt.
Eine negative Situation nicht wahrzunehmen, verhindert diese Möglichkeit, treibt den Nur-Positiv-Denker eher weiter in einen Strudel der Verdrängung und Abstumpfung. Die dann logisch gesehen, das Negative nur bewahrt.

Selbstverständlich sind Abstumpfung und Verdrängung psychische Schutzmechanismen, die in Extremsituationen Leben retten können.
Dennoch sollten sie nach dem Heraustreten aus dieser Extremsituation aufgearbeitet werden, um eine positive Bewältigung zu ermöglichen.
Am besten sehen wir das wohl an den verschiedensten Traumata der Menschen, denen Gewalt angetan wurde. Können Sie diese nicht verarbeiten, werden sie sich in ewiger Angst, oft Beziehungslosigkeit und Krankheit, ihren Weg suchen.

Im „milden“ Fall der Verdrängung von Gegenargumenten treten die gleichen Ergebnisse auf. Ängste können nicht abgebaut werden, die Beziehung zu anderen Menschen wird unterbrochen, weil die Kommunikation gestört ist, und Krankheiten werden durch Verdrängungen immer gefördert.

Wenn man sich Diskussionen mit anderen nicht aussetzen will – was ich gut verstehen kann, sind sie doch oft vergeudete Energie – sollte man dennoch seine Gedanken, die sich dann als Monolog tarnen, als inneren Dialog mit sich selbst führen. Allerdings sollten dann auch diese Dialoge von Argument und Gegenargument getragen werden.

Hinterfragung ist nicht dasselbe wie leere Gegenrede! Nicht zwanghaft positiv zu denken bedeutet keineswegs, negativ zu denken!
Das Positive zu suchen, darf nicht dazu führen, das Negative als nicht existent anzusehen.

 

© m.l.

13 Comments

  • Monika commented on 15. Februar 2016 Reply

    grüß Dich
    Neugierig geworden suchte ich die Site auf , deren Schreiberin Fragen verniedlicht. Hat sie , so fragt ich mich, Sorge, dass ihr die Autorität weggenommen wird und nimmt sie sich diese deshalb selbst weg?

    Das Wort „sollte“ und die dahinterliegende Grundhaltung hat für mich immer den Beigeschmack des moralisierenden Imperativs…

    lg
    Monika

    • mona commented on 15. Februar 2016 Reply

      hallo liebe monika!

      der erste kommentar – und gleich einer, wo es sich nachzudenken lohnt …
      ein toller einstand!
      und herzlich willkommen!

      vielleicht kannst du mir für den ersten teil auf die sprünge helfen. ich erkenne die verniedlichung der frage nicht.

      bei dem umgang mit dem wort „sollte“ gebe ich dir weitgehendst recht. man kann es immer wie einen erhobenen zeigefinger verstehen.

      ich bin deinem hinweis gefolgt und habe versucht, die „sollte“-passagen abzuändern, damit das wort wegfallen kann.

      Wenn man sich Diskussionen mit anderen nicht aussetzen will, erscheint es mir dennoch notwendig, Gedanken die sich als Monolog tarnen, als inneren Dialog mit sich selbst zu führen, um nutzbringend für psychische Hygiene zu sein. Argument und Gegenargument sind dafür dann ebenfalls unabdingbar.

      Selbstverständlich sind Abstumpfung und Verdrängung psychische Schutzmechanismen, die in Extremsituationen Leben retten können. Um eine positive Bewältigung zu ermöglichen, müssen sie nach dem Heraustreten jedoch aufgearbeitet werden.

      so vertreten sie selbstverständlich klarer meine meinung, sind nicht als moralisierend zu verstehen, aber nun doch eher als dogmatisch. oder sehe ich das falsch?

      spannender kontrovers, für den ich mich schon mal vorab herzlich bedanke.

      lieben gruß
      mona

      ps: tolle seite, die du hast. ich habe mir in meinem früheren bloggerleben schon mal bei dir hilfe geholt. nachträglichen dank dafür!

  • Traveller commented on 22. Februar 2016 Reply

    „Positiv denken“ ist für mich die Grundhaltung, dass ich versuche, in einer Situation erstmal das Gute zu sehen. Das Glas ist nicht halb leer sondern halb voll. Also die optimistische Sicht der Dinge.
    Die Betonung liegt aber auf „erstmal“, also nicht grundsätzlich immer. Das wäre für mich nämlich zwanghaft.
    Vor allem, wenn das dazu führt, dass ich Negatives negiere, also die Realität ausblende. – Da bin ich ganz bei dir.

    Ich habe eine Frage: Was genau meinst du mit „den Negativtest bestehen“?

    Lieben Gruß
    Uta

    • mona commented on 22. Februar 2016 Reply

      ich meine mit negativtest wohl dasselbe wie anscheinend du, also die realität nicht auszublenden und auch negative aspekte wahrzunehmen. sind keine negativen aspekte erkennbar, dann kann was nicht stimmen.
      ich glaube, auch das sehen viele leute nicht so.
      aber für mich ist es eher ein zeichen für verdrängung als für positives suchen und sehen.

      wobei es hierbei eher darum geht, situationen zu beleuchten, in denen entscheidungen gefragt sind, äußerlicher wie innerlicher art. nicht, wenn man grad glücklich am strand liegt und das meer betrachtet …

      • Traveller commented on 22. Februar 2016 Reply

        danke für die Erläuterung

        ich denke auch, dass es immer zwei Seiten gibt, also sowohl positive als auch negative Aspekte einer Situation
        Entscheiden ist ja eigentlich ein Abwägen, und dazu muss ich eben auch beide Seiten sehen und bewerten
        und wenn ich die negativen Elemente nicht wahrnehme, kann das leicht zu Fehlentscheidungen führen (genau so, wenn ich nur negative Punkte sehe).

        • mona commented on 22. Februar 2016 Reply

          abwägen … ich weiß jetzt nicht, ob mir das sooo gut gefällt …
          das klingt doch ein bisschen nach handlé, nach wertschöpfung.

          ich glaube, es ist wichtig, das negative zu sehen, weil man dadurch überhaupt erst die möglichkeit schafft, es durch positives ersetzen zu können. es das einzige wirklich probate mittel ist, es zum verschwinden zu bringen und es nicht nur einfach auszublenden.
          also die suche nach dem positiven muss für mich unbestritten bleiben, aber das heißt eben noch lange nicht, nur positives zu sehen. weil das dann eher nach verdrängung riecht. und die entwickelt immer ihre eigenen mechanismen. und diese bleiben oft unbewusst.

          da bin ich ebenfalls mit dir einer meinung, dass ein zwanghaftes positiv-sehen ebenso zu verhängnissen führen kann, als wenn man gleich immer alles nur negativ sieht.
          die einen starten einfach los und holzen u.u. alles mögliche neben ihrem weg mit ab und die anderen sehen erst gar nicht, was ihren weg säumt.

          • Traveller commented on 22. Februar 2016

            okay, ich habe mich ungeschickt ausgedrückt; das „abwägen“ bezog sich auf deine Worte „situationen zu beleuchten, in denen entscheidungen gefragt sind“
            ich hab’s im Sinn von „durchdenken“ gemeint, damit man eben nicht gleich durchstartet

            wobei ich einen Punkt sehr wichtig finde, den du nochmal betonst:
            nur wenn ich das Negative wahrnehme, kann ich versuchen, etwas dagegen zu unternehmen
            und das bedeutet, dass ich nicht einfach nur mit dem Finger darauf zeige und sage: das will ich nicht
            sondern ich brauche eine positive Alternative
            das Gehirn kann mit „nicht“, mit Verneinungen wenig anfangen, beschäftigt sich dann nur mit dem eigentlich Verneinten statt aktiv etwas anderes zu tun
            (ach, im Kommentar versuche ich immer, mich knapp zu fassen; aber ich denke, es wird trotzdem klar, was ich meine)

          • mona commented on 22. Februar 2016

            ja, es ist mir total klar was du meinst!
            und du musst dich keineswegs kurz fassen, das blog heißt ja „monologisches“ *ggg*

            ungeschickt ausgedrückt: ich habe es vermutet, dass du es eh so meintest, aber ich bin halt eine wortklauberin.

            und genau. das mit dem „nicht“, allerdings gilt das meines wissens für das unter-, bzw. unbewusste. das gehirn an sich kann mit verneinungen schon was anfangen. aber das gefühl eigentlich nicht. oje, schon wieder wortklauberin. denn ich gehe davon aus, dass du auch hier genau das meintest.

            aber diese warnung sei an dieser stelle gegeben:
            wortklauberin, dein name ist mona 😉

            das hat mich nämlich persönlich sehr weit gebracht, etwas nicht schwammig auszudrücken. aber auch z.b. bestimmte vorgänge mit exakten (wenn auch oft höchst persönlichen) begriffen zu besetzen und sie dann auch tatsächlich nur dafür zu verwenden.
            eben im hinblick auf den umgang mit dem unterbewusstsein.

  • Traveller commented on 22. Februar 2016 Reply

    Hihi, Wortklauberin – gut zu wissen 😉

    Aber du hast Recht. Gerade wenn man über ein Thema diskutieren will, braucht es exakte Begriffe, klare Sprache, damit man nicht aneinander vorbei redet (bzw. schreibt).

    Was die Verneinungen angeht, habe ich beides gelesen:

    Das Unterbewusstsein kennt keine Verneinungen, heißt es. Deshalb soll man z.B. Ziele positiv formulieren (was meist auch zu aktiven Formulierungen führt).

    Was das Gehirn an sich angeht, habe ich gelesen, dass es bei negativen Formulierungen länger braucht zur Verarbeitung. Weil die linke – logische – Gehirnhälfte zwar die Verneinung versteht, die rechte – bildhafte – aber nicht. Und das führt, wie Wissenschaftler festgestellt haben, zu Doppelbotschaften und Missverständnissen.

    • mona commented on 22. Februar 2016 Reply

      ja, ich denke, der richtige weg liegt nie in der verneinung. es ist auf jeden fall ein umweg! aber im hirn gibt’s wenigstens noch möglichkeiten dafür. im gefühl aber nicht.

      und bei vielen leuten gibt’s ja im hirn auch schon ohne das zu wenige möglichkeiten, wie sich in der gegenwart grad ganz besonders deutlich zeigt 😉

      außerdem bin ich sowieso eine verfechterin der these, dass das gegenteil – und eine verneinung ist ja nichts anderes –einfach am original kleben bleibt, nicht davon gelöst werden kann. also kann damit oft so gut wie nichts erreicht werden, weil ein- und dasselbe problem bedient wird.

      • Traveller commented on 23. Februar 2016 Reply

        eine interessante These
        mir fallen dazu spontan zwei Dinge ein:

        1. ich glaube, der Mensch denkt sehr viel in Gegensätzen: hell/dunkel, gut/böse, schnell/langsam usw.
        das hat vielleicht den Grund darin, dass man damit schnell kategorisieren kann und das war vermutlich für den Steinzeitmenschen überlebenswichtig
        allerdings führt das dann auch zu eingefahrenen Bahnen, aus denen man nur schwer herauskommt

        2. wenn es ums Problem-Lösen geht, z.B. in Firmen, wird doch immer nach „kreativen Lösungen“ gefragt, also nach neuen Denkansätzen
        komisch, dass wir das im Alltag so selten schaffen

        • mona commented on 23. Februar 2016 Reply

          ja, genau. die dualität der begriffe ist natürlich wirklich gut und wichtig beim erkennen von situationen. aber möchte man etwas ändern, muss man sich vom gegensatz lösen. sonst relativiert man nur am ausgangspunkt und erschafft nichts neues,
          was dann genau dahin führt, was du im zweiten punkt ansprichst. es killt die kreativität.
          um etwas „anderes“ zu schaffen, etwas „neues“ zu kreieren. und nicht nur ein gegenteil.

          in unserem beispiel hier blieben wir also am negativen kleben. würden energie dafür vergeuden, es im auge zu behalten, könnten uns nicht davon befreien.

          schöne diskussion! danke dafür!

          • Traveller commented on 23. Februar 2016

            danke dir für diesen Blog und die Denkanregungen

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